Praxiswissen · PG 18

Sitzmaße am Rollstuhl bestimmen – Anleitung für die Anpassung

Ein Rollstuhl in der falschen Größe wird nicht benutzt, sondern abgestellt — und kommt als Rückläufer zurück. Die vier Grundmaße sind in zehn Minuten erhoben, wenn die Ausgangsposition sitzt und die Zuschläge bekannt sind. Dieser Leitfaden führt durch den Messgang, nennt die Zuschläge im Klartext und zeigt, was am fertig angepassten Rollstuhl noch geprüft werden muss.

Zielgruppe: Leistungserbringer im Sanitätshaus PG: PG 18 · Rollstühle & Mobilität Lesezeit: ca. 9 Minuten Stand: August 2026
Kurzantwort

Die vier Grundmaße werden am sitzenden Nutzer erhoben, nicht geschätzt: Sitzbreite = Gesäßbreite plus 2 bis 4 cm, Sitztiefe = Abstand Rücken bis Kniekehle minus 3 bis 5 cm, die Sitzhöhe folgt aus der Unterschenkellänge plus der komprimierten Höhe des Sitzkissens, die Rückenhöhe aus der vorhandenen Rumpfkontrolle. Gemessen wird auf einer festen, ebenen Sitzfläche mit aufgerichtetem Becken und abgestützten Füßen. Die Druckverteilung leistet nicht der Rollstuhl, sondern das Sitzkissen aus PG 11 — seine Bauhöhe muss von Anfang an eingerechnet werden.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 18, Untergruppe 18.50
01

Der Messgang in fünf Schritten

Immer in dieser Reihenfolge, weil jedes Maß auf dem vorherigen aufbaut. Alle Werte in Zentimetern notieren, mit Datum und Namen des Messenden.

  1. 1

    Sitzbreite: Gesäßbreite plus 2 bis 4 cm

    Im Sitzen an der breitesten Stelle über Trochanteren und Oberschenkeln messen, dann 2 bis 4 cm Bewegungsraum zugeben. Zu schmal heißt Druck an Hüfte und Beckenkamm; zu breit heißt, dass die Greifreifen nicht mehr senkrecht unter der Schulter liegen, der Rumpf seitlich abkippt und der Rollstuhl unnötig breit wird. Zwischen zwei Größen gilt in PG 18: die schmalere prüfen.

    Zuschlag: 2-4 cm
  2. 2

    Sitztiefe: Rücken bis Kniekehle minus 3 bis 5 cm

    Vom Rücken, angelehnt, bis zur Kniekehle messen und 3 bis 5 cm abziehen. Reicht die Sitzfläche bis in die Kniekehle, drückt sie auf Gefäße und Nerven und behindert den venösen Rückfluss. Ist sie zu kurz, verlagert sich der Druck auf eine zu kleine Fläche unter dem Sitzbein — die klassische Vorbereitung eines Dekubitus.

    Abzug: 3-5 cm
  3. 3

    Unterschenkellänge und Sitzhöhe

    Von der Kniekehle bis zur Fußsohle messen, in der Schuhversorgung, die getragen wird. Die Fußrastenhöhe folgt daraus, die Sitzhöhe ergibt sich aus Unterschenkellänge plus komprimierter Kissenhöhe. Bodenfreiheit der Fußraste rund 5 cm, damit Schwellen und Bordsteinkanten nicht anstoßen. Kontrolle: Oberschenkel liegen auf, Fersen tragen kein Gewicht.

    Bodenfreiheit ca. 5 cm
  4. 4

    Rückenhöhe nach Rumpfkontrolle

    Bei erhaltener Rumpfkontrolle endet die Rückenlehne knapp unter dem unteren Schulterblattwinkel, damit die Arme frei ausschwingen und der Greifreifen bis hinten erreichbar bleibt. Fehlt die Rumpfkontrolle, wird höher versorgt und mit Seitenführung oder anatomisch geformtem Rücken ergänzt — sonst weicht der Rumpf seitlich aus und der Beckenschiefstand nimmt zu.

    Selbstfahrer: unter dem Schulterblatt
  5. 5

    Radposition und Armlehnenhöhe einstellen

    Beim Selbstfahrer soll der Ellbogen bei aufgelegter Hand am höchsten Punkt des Greifreifens etwa 100 bis 120 Grad gebeugt sein; die Radachse liegt dann annähernd unter dem Schultergelenk. Achse weiter vorn heißt leichter fahren und wendiger, aber kippanfälliger — dann ist Kippschutz Pflicht. Armlehnen so einstellen, dass der Ellbogen 90 Grad hat, ohne die Schulter anzuheben.

    Ellbogenwinkel 100-120°
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02

Kontrolle am fertig angepassten Rollstuhl

Erst diese Prüfung entscheidet, ob die Maße im Alltag tragen. Sie gehört an das Ende der Anpassung, mit dem Nutzer im Rollstuhl und dem endgültigen Sitzkissen.

  • 1

    Vier Finger Bewegungsraum an der Hüfte

    Neben jeder Hüfte sollte die flache Hand knapp hineinpassen, ohne zu klemmen. Drückt es an Trochanter oder Beckenkamm, ist die Sitzbreite zu klein. Rutscht der Nutzer seitlich weg oder stützt sich am Seitenteil ab, ist sie zu groß — und die Greifreifen sind zu weit außen.

  • 2

    Zwei Finger frei hinter der Kniekehle

    Zwischen Vorderkante der Sitzfläche und Kniekehle bleibt etwa eine Handbreit an Fingern frei. Rötungen oder Kribbeln in den Unterschenkeln nach kurzer Sitzzeit sind ein Hinweis auf zu große Sitztiefe. Beim Nachmessen daran denken, dass ein durchhängender Sitzbezug die effektive Tiefe verändert.

  • 3

    Becken sitzt hinten an, nicht vorn

    Der Nutzer soll mit dem Becken an der Rückenlehne anliegen. Rutscht er nach vorn und der Rücken wird rund, sind Sitztiefe, Sitzwinkel oder Rückenbespannung nicht passend. Eine ausgebeulte Rückenbespannung kippt das Becken nach hinten — bei älteren Wiedereinsatzgeräten regelmäßig die Ursache und mit einer neuen Bespannung behoben.

  • 4

    Greifreifen und Bremse erreichbar

    Der Nutzer muss den Greifreifen weit hinten fassen können, ohne die Schulter hochzuziehen, und beide Bremsen im Sitzen erreichen. Wird die Bremse nur mit Vorlehnen erreicht, ist entweder der Bremshebel falsch positioniert oder der Rollstuhl zu breit. Bei eingeschränkter Handfunktion Bremshebelverlängerung oder Trommelbremse prüfen.

  • 5

    Nachkontrolle terminieren

    Gewicht, Ödeme und Sitzverhalten ändern sich. Eine Nachkontrolle nach vier bis sechs Wochen deckt auf, was am Abgabetag noch passte: Kissen durchgesessen, Fußrasten zu tief eingestellt, Rücken zu hoch. Die Maße und die Nachkontrolle gehören in die Versorgungsakte — sie sind im Streitfall der Nachweis fachgerechter Anpassung.

03

Vor dem ersten Maß

Die häufigste Fehlerquelle ist nicht das Maßband, sondern die Ausgangsposition. Wer im weichen Sessel misst, misst ein anderes Becken.

PunktWas giltHinweis
Feste Sitzfläche, aufgerichtetes BeckenGemessen wird auf einer harten, waagerechten Fläche, Füße abgestützt, Oberschenkel waagerecht, Becken so weit aufgerichtet wie möglich. Auf einer weichen Unterlage sinkt das Gesäß ein, das Becken kippt nach hinten und die Sitztiefe fällt zu groß aus. Kann der Nutzer nicht frei sitzen, hält eine zweite Person den Rumpf.Weiche Unterlage verfälscht alles
Kleidung und Tagesform berücksichtigenGemessen wird in der Kleidung, die üblicherweise getragen wird — Winterjacke und Inkontinenzversorgung verändern die Sitzbreite messbar. Bei Ödemen am Nachmittag messen, nicht am Morgen: Die Beinstützenlänge und die Sitzbreite müssen im schlechteren Zustand passen, nicht im besten.Im Zweifel den größeren Zustand
Sitzkissen vor dem Rollstuhl festlegenWer den Rollstuhl zuerst bestellt und das Kissen nachträglich dazulegt, hebt den Nutzer um die Kissenhöhe an — Armlehnen, Tischhöhe und Fußrastenposition stimmen dann nicht mehr. Bei mehr als zwei Stunden Sitzzeit täglich oder Dekubitusrisiko gehört ein Kissen aus PG 11 dazu, getrennt verordnet und getrennt abgerechnet.PG 11, eigene Verordnung
Asymmetrien und Kontrakturen erfassenBeckenschiefstand, Skoliose, unterschiedliche Beinlängen und eingeschränkte Kniebeugung werden vor der Maßnahme notiert, nicht nachträglich entdeckt. Bei ungleichen Beinlängen richtet sich die Sitztiefe nach dem kürzeren Bein, die Beinstützen werden einzeln eingestellt. Kann das Knie nicht 90 Grad beugen, sind hochstellbare Beinstützen zu prüfen.Kürzeres Bein bestimmt die Sitztiefe
Wohnumfeld gleich mitmessenDie schmalste Türlaibung, Flurbreite, Wendefläche im Bad, Schwellenhöhen und der Zugang zur Wohnung. Die Gesamtbreite eines Rollstuhls liegt je Modell etwa 18 bis 22 cm über der Sitzbreite. Ein Rollstuhl, der maßlich perfekt und 2 cm zu breit für die Badtür ist, ist eine Fehlversorgung.Gesamtbreite ≈ Sitzbreite + 20 cm
04

Häufige Fragen aus der Praxis

Wie wird die Sitzbreite richtig bestimmt?

Im Sitzen an der breitesten Stelle über Trochanteren und Oberschenkeln messen und 2 bis 4 cm zugeben. Gemessen wird in Alltagskleidung und, falls vorhanden, mit Inkontinenzversorgung. Bei Zweifeln zwischen zwei Größen zuerst die schmalere prüfen: Eine zu breite Sitzfläche verschlechtert die Greifreifenerreichbarkeit, lässt den Rumpf abkippen und macht den Rollstuhl unnötig breit für Türen und Bad.

Was passiert bei falscher Sitztiefe?

Zu tief bedeutet Druck der Sitzvorderkante in die Kniekehle — auf Gefäße und Nerven, mit behindertem venösen Rückfluss und Kribbeln in den Unterschenkeln. Zu kurz verkleinert die Auflagefläche, sodass sich der Druck unter dem Sitzbein konzentriert; das begünstigt einen Dekubitus. Richtwert: Abstand Rücken bis Kniekehle minus 3 bis 5 cm, bei ungleichen Beinlängen nach dem kürzeren Bein.

Rechnet man das Sitzkissen in die Sitzhöhe ein?

Ja, mit seiner komprimierten Höhe unter Belastung, nicht mit der Bauhöhe im Regal. Ein Kissen hebt den Nutzer an und verändert damit Fußrastenhöhe, Armlehnenhöhe, effektive Rückenhöhe und die Unterfahrbarkeit von Tischen. Deshalb wird das Kissen vor dem Rollstuhl festgelegt. Es ist ein eigenes Hilfsmittel aus PG 11 und wird getrennt verordnet und abgerechnet.

Wo soll die Antriebsachse liegen?

Beim Selbstfahrer so, dass der Ellbogen bei aufgelegter Hand am höchsten Punkt des Greifreifens etwa 100 bis 120 Grad gebeugt ist — die Achse liegt dann annähernd unter dem Schultergelenk. Eine weiter vorn liegende Achse macht das Fahren leichter und den Rollstuhl wendiger, aber kippanfälliger; sie ist typisch für Adaptivversorgungen und erfordert Kippschutz. Weiter hinten heißt stabiler, aber kraftaufwendiger.

Wie viel Türbreite braucht ein Rollstuhl?

Rechnen Sie mit einer Gesamtbreite von etwa 18 bis 22 cm über der Sitzbreite, je nach Modell und Radsturz. Ein Rollstuhl mit 45 cm Sitzbreite braucht also rund 65 cm lichte Durchgangsbreite, für kontrolliertes Durchfahren spürbar mehr. Für Wendemanöver ist eine freie Fläche von etwa 150 mal 150 cm die Planungsgröße im barrierefreien Bauen. Die schmalste Tür in der Wohnung immer selbst nachmessen, nicht abfragen.

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