Bei Adipositas mit Mobilitätsverlust ist die verstärkte Ausführung die passende Versorgung - als Schieberollstuhl (HMV 18.50.01.2, mit Rückenlehnenverstellung .4, mit multifunktionaler Sitzeinheit .5) oder als Greifreifenrollstuhl in verstärkter Ausführung (18.50.02.3). Maßgeblich sind drei Größen: Sitzbreite (Gesäßbreite plus 2 bis 4 cm, gemessen an der breitesten Stelle im Sitzen), zulässige Gesamtbelastung des Rollstuhls und die lichte Durchgangsbreite der engsten Tür. Schwerlastversorgungen sind praktisch immer genehmigungspflichtig und selten im Wiedereinsatzlager verfügbar. Zuzahlung: 10 % des Abgabepreises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro.
Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 18.50.01 / 18.50.02Die Diagnose — kurz erklärt
Etwa 19 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben einen BMI von 30 oder mehr. Die ICD-10-GM unterscheidet an der fünften Stelle nach Schweregrad: E66.00 für Grad I (BMI 30 bis unter 35), E66.01 für Grad II (35 bis unter 40) und E66.02 für einen BMI von 40 und mehr. Für die Rollstuhlversorgung ist der BMI allerdings nur ein Hinweis - er sagt nichts über die Gesäßbreite, die Verteilung der Körpermasse und damit über die Lage des Schwerpunkts. Gemessen wird am Nutzer im Sitzen, weil die breiteste Stelle häufig nicht am Becken, sondern über den Oberschenkeln oder in Bauchhöhe liegt.
Passende Rollstuhlversorgung
Die Auswahl richtet sich nach der Therapie-Phase. In jeder Phase gibt es Kassen-übliche Rollstuhltypen mit definierter Wirkung und Tragezeit.
| Phase | Rollstuhltyp | Wirkung | Tragezeit |
|---|---|---|---|
| Erhaltene Armkraft, Eigenantrieb möglich | Greifreifenrollstuhl in verstärkter Ausführung (18.50.02.3) | Verstärkter Rahmen und doppelte Kreuzstrebe verhindern Verwindung; die breitere Sitzfläche nimmt seitlichen Druck von Trochanter und Beckenkamm. Nachteil: Greifreifen und Radsturz erhöhen die Gesamtbreite um rund 18 bis 22 cm gegenüber dem Sitzmaß. | Ganztägig, Reifendruck wöchentlich prüfen |
| Fremdbewegung, enge Wohnverhältnisse | Schieberollstuhl in verstärkter Ausführung (18.50.01.2) | Ohne Greifreifen fällt die Gesamtbreite deutlich geringer aus - bei gleicher Sitzbreite oft der entscheidende Unterschied für Bad- und WC-Türen im Altbau. | Sitzzeit 4-8 h täglich |
| Lange Sitzzeiten, Ruhebedarf | Verstärkte Ausführung mit Rückenlehnenverstellung (18.50.01.4) | Positionswechsel ohne Umsetzen - bei hohem Körpergewicht ist jeder vermiedene Transfer auch ein vermiedenes Rückenrisiko für die Pflegeperson. | Positionswechsel alle 1-2 h |
| Fehlende Rumpfkontrolle, Dekubitusrisiko | Verstärkte Ausführung mit multifunktionaler Sitzeinheit (18.50.01.5 / 18.50.02.8) | Sitzkantelung und Rückenneigung verlagern den Druck vom Sitzbein. Bei großflächiger Weichteilmasse zusätzlich auf Feuchtigkeit in den Hautfalten achten - Mazeration entsteht dort schneller als Druckschädigung. | Sitzzeit über 6 h - Sitzkissen aus PG 11 in passender Breite |
Rollstuhlwahl bleibt ärztliche Entscheidung
Die Tabelle zeigt typische Versorgungsmuster. Die konkrete Auswahl trifft die behandelnde Ärzt:in in Abstimmung mit der Operateurin oder Physiotherapeut:in.
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Versorgungsweg — von Diagnose bis Rollstuhl
- 1
Verordnung mit Gewicht und Maßen
Rezept nach Muster 16 mit E66.0- und der Angabe des Körpergewichts. Ohne Gewichtsangabe kann die Kasse die Notwendigkeit der verstärkten Ausführung nicht prüfen und fragt nach - das kostet zwei Wochen. Ergänzen Sie die Gesäßbreite aus Ihrer Messung.
Zeitaufwand: 10 Min. - 2
Maßnahme im Sitzen, an der breitesten Stelle
Sitzbreite = Gesäßbreite plus 2 bis 4 cm, gemessen im Sitzen an der breitesten Stelle - das ist bei Adipositas häufig über den Oberschenkeln, nicht am Becken. Sitztiefe = Rücken bis Kniekehle minus 3 bis 5 cm. Zu breit versorgt heißt: Greifreifen nicht erreichbar und Rollstuhl nicht türgängig.
Zeitaufwand: 45-60 Min. - 3
Türbreiten und Wendekreis vor Ort aufnehmen
Lichte Durchgangsbreite jeder relevanten Tür messen, nicht das Türblatt schätzen. DIN 18040-2 fordert für barrierefreie Wohnungen 80 cm nutzbare Breite, für rollstuhlgerechte Wohnungen 90 cm und einen Wendekreis von 150 x 150 cm. Im Bestand liegen Bad- und WC-Türen oft bei 60 bis 70 cm - dann ist die Versorgung ein Umbau- oder Wohnraumanpassungsthema, kein Rollstuhlthema.
Zeitaufwand: 20-30 Min. - 4
Traglast der gesamten Kette prüfen
Nicht nur der Rollstuhl trägt: Rampe, Patientenlifter, Pflegebett, Toilettenstuhl, Waage und Transportfahrzeug haben eigene Grenzen. Die schwächste Angabe bestimmt die Versorgung. Ein Rollstuhl für 250 kg neben einem Lifter für 175 kg ist keine Versorgung, sondern ein Unfall mit Vorankündigung.
Wichtig: schwächstes Glied dokumentieren - 5
Genehmigung, Fertigung, Auslieferung
Schwerlastversorgungen sind genehmigungspflichtig und meist Sonderfertigung mit 4 bis 8 Wochen Lieferzeit. Überbrückung mit einem verstärkten Lagergerät einplanen und im Antrag benennen. Bei Auslieferung dokumentierte Einweisung inklusive zulässiger Gesamtbelastung, Reifendruck und Transferweg.
Dauer: 4-8 Wochen plus Genehmigung
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Tipps für Patient:innen
Nutzergewicht ist nicht die Belastungsgrenze
Die zulässige Gesamtbelastung umfasst Nutzer, Kleidung, Sitzkissen und alles, was mitgeführt wird - Sauerstoffflasche, Tasche, Einkauf. Rechnen Sie mit Reserve. Wer exakt an der Herstellergrenze versorgt, verliert im Schadensfall den Gewährleistungsanspruch.
Breiter Sitz kostet Türbreite doppelt
Jeder Zentimeter Sitzbreite erhöht die Gesamtbreite mindestens um denselben Betrag, beim Greifreifenrollstuhl zusätzlich um Reifen und Radsturz. Messen Sie erst die engste Tür, dann die maximal mögliche Sitzbreite - nicht umgekehrt.
Reifendruck ist bei Schwerlast Wartungsthema
Unterdruck erhöht den Rollwiderstand spürbar und belastet Felge und Lager. Bei hohem Nutzergewicht gehört der Reifendruck in die Einweisung und in einen festen Kontrollrhythmus, sonst wird aus Wartung Reparatur.
Hautfalten mitbeurteilen
Bei großflächiger Weichteilmasse entsteht Hautschaden häufiger durch Feuchtigkeit und Scherung in Falten als durch klassischen Sitzbeindruck. Atmungsaktiver Bezug, Feuchtigkeitsmanagement und ein passend breites Sitzkissen aus PG 11 gehören zur Beratung.
Häufige Fragen
Ab welchem Gewicht ist die verstärkte Ausführung nötig?
Nicht das Gewicht allein entscheidet, sondern der Abgleich mit der zulässigen Gesamtbelastung des jeweiligen Modells - Standardrollstühle enden häufig bei rund 125 kg, verstärkte Ausführungen liegen darüber, Schwerlastvarianten deutlich höher. Prüfen Sie immer die konkrete Herstellerangabe des ausgewählten Modells und rechnen Sie Zuladung ein. Zusätzlich kann die Gesäßbreite eine verstärkte Ausführung erfordern, obwohl das Gewicht noch im Rahmen liegt.
Genehmigt die Kasse eine bariatrische Sonderversorgung?
Ja, wenn begründet ist, warum die Regelversorgung nicht ausreicht. Genau dieser Satz entscheidet: Nennen Sie Körpergewicht, gemessene Gesäßbreite, die zulässige Belastung des Regelprodukts und die daraus folgende Überschreitung. Eine Ablehnung stützt sich fast immer darauf, dass diese Gegenüberstellung fehlt - nicht darauf, dass das Produkt zu teuer wäre.
Warum steht kein Schwerlastrollstuhl im Wiedereinsatzlager?
Weil Schwerlastversorgungen individuell konfiguriert und in kleinen Stückzahlen gefertigt werden. Rollstühle sind zwar grundsätzlich Leihgaben der Kasse und gehen in den Wiedereinsatz, aber ein Gerät mit 60 cm Sitzbreite passt selten zum nächsten Versicherten. Planen Sie deshalb 4 bis 8 Wochen Lieferzeit und eine Überbrückungsversorgung ein.
Wie breit wird der Rollstuhl insgesamt?
Als Faustwert liegt die Gesamtbreite eines Greifreifenrollstuhls etwa 18 bis 22 cm über der Sitzbreite, beim Schieberollstuhl deutlich weniger. Bei 55 cm Sitzbreite heißt das rund 73 bis 77 cm Gesamtbreite - und damit ist eine WC-Tür mit 70 cm lichter Breite bereits nicht passierbar. Nehmen Sie die Maße vor der Produktauswahl auf, nicht danach.
Wer zahlt Türverbreiterung oder Rampe?
Nicht die Krankenkasse. Der Rollstuhl selbst ist Hilfsmittel nach § 33 SGB V; baulich wirkende Maßnahmen laufen als wohnumfeldverbessernde Maßnahme über die Pflegekasse nach SGB XI oder über andere Träger. Trennen Sie das im Beratungsgespräch klar, sonst entsteht die Erwartung, das Sanitätshaus löse ein Bauproblem über das Rezept.