Indikations-Match · Elektrorollstühle

Muskeldystrophie – welcher Rollstuhl passt?

Bei einer Muskeldystrophie versorgt man ein Kind, das wächst, und eine Muskulatur, die schwächer wird – zwei Entwicklungen mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Sitzeinheit muss deshalb mitwachsen und gleichzeitig mehr halten als im Vorjahr. Und der Rollstuhl fährt nicht nur: Er ist Schulplatz, Fahrzeugsitz und Haltungstherapie in einem Gerät.

ICD-10: G71.00 (Muskeldystrophie, maligne [Typ Duchenne]) · sonstige Formen G71.08 PG: PG 18 · Rollstühle & Mobilität Lesezeit: ca. 9 Minuten Stand: August 2026
Kurzantwort

Bei Muskeldystrophie Typ Duchenne ist der Elektrorollstuhl für Kinder und Jugendliche (HMV 18.50.05) die Regelversorgung, sobald die Gehfähigkeit nicht mehr trägt - typischerweise im Schulalter. Er muss drei Dinge gleichzeitig können: in Sitzbreite und Sitztiefe mitwachsen, über Kantelung und Rückenneigung die zunehmende Rumpfschwäche auffangen und als Fahrzeugsitz im Schultransport zugelassen sein (Prüfung nach ISO 7176-19, Sicherung nach DIN 75078-2). Versicherte unter 18 Jahren sind zuzahlungsfrei. Sitzkissen zur Druckverteilung gehören zu PG 11 und werden getrennt verordnet.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 18.50.05 / 18.50.04
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Die Diagnose — kurz erklärt

Die Muskeldystrophie Duchenne betrifft etwa einen von 3.500 bis 5.000 neugeborenen Jungen und wird unter G71.00 kodiert; andere Formen laufen unter G71.08. Der Verlauf ist vorhersehbar in der Richtung, aber individuell im Tempo: Die Gehfähigkeit geht meist im Grundschul- bis frühen Jugendalter verloren, danach entwickelt sich häufig eine Skoliose, besonders schnell während des Wachstumsschubs. Herzmuskel und Atemmuskulatur sind mitbetroffen. Für die Versorgung folgt daraus eine Regel: Der Rollstuhl wird nicht nach der aktuellen Kraft konfiguriert, sondern nach Wachstum, Haltungsentwicklung und Atmung der kommenden zwei Jahre.

ICD-10
G71.00
Muskeldystrophie, maligne [Typ Duchenne]
Häufigkeit
ca. 1:3.500-5.000
neugeborene Jungen, X-chromosomal vererbt
Therapieziel
Haltung und Teilhabe
Skolioseentwicklung bremsen, Schulalltag sichern
Besonderheit
Zuzahlungsfrei unter 18
§ 33 SGB V - keine Zuzahlung für Kinder und Jugendliche
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Passende Rollstuhlversorgung

Die Auswahl richtet sich nach der Therapie-Phase. In jeder Phase gibt es Kassen-übliche Rollstuhltypen mit definierter Wirkung und Tragezeit.

PhaseRollstuhltypWirkungTragezeit
Gehfähigkeit noch erhalten, lange Wege nicht mehrLeichter Adaptivrollstuhl für Kinder (18.50.03.1/.2) oder Reha-Buggy (18.99.01.1)Sichert Schulweg und Ausflüge, ohne die verbleibende Gehfähigkeit abzulösen. Der Rollstuhl übernimmt die Strecke, das Gehen bleibt Therapie und Alltag.Anlassbezogen, Gehtraining unverändert weiter
Gehfähigkeit verlorenElektrorollstuhl für Kinder und Jugendliche (18.50.05), Sitzbreite mit 4-6 cm WachstumsreserveStellt Selbstbestimmung und Tempo in Schule und Freizeit her. Kinder lernen die Steuerung schnell; die Wachstumsreserve verhindert eine Neuversorgung nach einem Jahr.Ganztägig, Maßkontrolle alle 6 Monate
Beginnende Skoliose und RumpfschwächeSitzeinheit mit Rumpfpelotten, Kantelung und Rückenneigung; Abstimmung mit Rumpforthese aus PG 23Seitenführung und Kantelung halten den Rumpf in der Mittellinie und verzögern die Fehlhaltung. Orthese und Sitzeinheit müssen zusammen anprobiert werden - getrennt angepasst arbeiten sie gegeneinander.Ganztägig, Kantelung mehrfach täglich
Atmung und Herz mitbetroffenElektrorollstuhl mit Kopfstütze, Halterung für Beatmungsgerät, ggf. Hub-/Hebevorrichtung (18.99.06)Nichtinvasive Beatmung und Hustenassistent müssen mitfahren - Traglast, Befestigungspunkte und Akkuverbrauch vorher rechnen. Die Hebevorrichtung erleichtert Transfers, wenn Umsetzen nicht mehr sicher möglich ist.Ganztägig, Sitzkissen aus PG 11 zwingend

Rollstuhlwahl bleibt ärztliche Entscheidung

Die Tabelle zeigt typische Versorgungsmuster. Die konkrete Auswahl trifft die behandelnde Ärzt:in in Abstimmung mit der Operateurin oder Physiotherapeut:in.

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Versorgungsweg — von Diagnose bis Rollstuhl

  1. 1

    Verordnung aus dem Muskelzentrum

    Rezept nach Muster 16 mit G71.00 oder G71.08. Nutzen Sie den Befundbericht des neuromuskulären Zentrums: Er enthält Angaben zu Gehstrecke, Kontrakturen, Vitalkapazität und Herzfunktion - genau die Punkte, die die Kasse zur Begründung eines Elektrorollstuhls im Kindesalter braucht.

    Zeitaufwand: 15 Min.
  2. 2

    Wachstum einrechnen, nicht nachmessen

    Sitzbreite und Sitztiefe mit 4 bis 6 cm Verstellreserve konfigurieren, Rückenhöhe und Fußstützenlänge nachführbar. Sitzbreite bleibt bei der Auslieferung Gesäßbreite plus 2 bis 4 cm - die Reserve liegt im Verstellbereich, nicht im aktuellen Maß. Ein zu breit ausgelieferter Sitz nimmt dem Kind die Rumpfführung.

    Zeitaufwand: 60 Min.
  3. 3

    Schule, Transport und Wohnung gemeinsam prüfen

    Klären Sie Türbreiten und Wendekreis in Schule und Wohnung, Aufzug, Rampenneigung und den Schultransport. Für die Nutzung als Fahrzeugsitz muss der Rollstuhl nach ISO 7176-19 geprüft und im Fahrzeug nach DIN 75078-2 gesichert sein - fehlt das, ist die Beförderung nicht zulässig.

    Zeitaufwand: 45-60 Min. plus Ortstermin
  4. 4

    Genehmigung mit Teilhabebezug begründen

    Elektrorollstühle sind genehmigungspflichtig. Bei Kindern zählt neben der Grundmobilität ausdrücklich die Teilhabe an Schule und Entwicklung - benennen Sie Schulweg, Unterrichtsräume, Pausenhof und Freizeit konkret. Fristen nach § 13 Abs. 3a SGB V dokumentieren: drei Wochen, mit MD-Gutachten fünf Wochen.

    Dauer: 3-6 Wochen
  5. 5

    Auslieferung, Einweisung, halbjährliche Kontrolle

    Einweisung von Kind und Eltern, zusätzlich der Schule: Fahrprogramme, Freilauf, Notabschaltung, Laden. Dokumentiert mit Unterschrift. Danach halbjährliche Kontrolle - Wachstum und Haltungsentwicklung machen jede Sitzeinheit binnen Monaten unpassend, ohne dass es gemeldet wird.

    Kontrolle: alle 6 Monate
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Tipps für Patient:innen

Nicht mit dem Elektrorollstuhl warten

Die Sorge, ein Elektroantrieb beschleunige den Kraftverlust, ist bei Muskeldystrophie fachlich nicht tragfähig - im Gegenteil kostet erschöpfendes Handrollstuhlfahren Energie, die für Schule und Therapie fehlt. Verordnen Sie, sobald der Aktionsradius die Teilhabe begrenzt.

Fahrzeugsicherung vor der Produktwahl klären

Wird das Kind im Rollstuhl sitzend befördert, ist die Prüfung nach ISO 7176-19 Auswahlkriterium, nicht Zubehör. Ein nicht geprüfter Rollstuhl muss im Fahrzeug leer transportiert werden - dann fehlt genau der Sitz, für den die Versorgung gedacht war.

Orthese und Sitzeinheit gemeinsam anpassen

Rumpforthesen aus PG 23 verändern Rumpfumfang und Sitzhöhe deutlich. Lassen Sie das Kind mit Orthese Probe sitzen, sonst passt die Sitzeinheit genau an den Tagen nicht, an denen sie am wichtigsten ist.

Kontrakturen im Sitz mitbeurteilen

Beugekontrakturen an Knie und Hüfte verändern die nötige Sitztiefe und den Beinstützenwinkel. Prüfen Sie das Bewegungsausmaß bei jeder Kontrolle und passen Sie die Beinstützen nach - eine zu gerade eingestellte Beinstütze zieht das Becken aus der Sitzfläche.

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Häufige Fragen

Fällt für Kinder eine Zuzahlung an?

Nein. Versicherte unter 18 Jahren sind zuzahlungsfrei. Bei Erwachsenen beträgt die Zuzahlung 10 % des Abgabepreises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro je Hilfsmittel - auch bei einem Elektrorollstuhl im fünfstelligen Bereich bleiben es 10 Euro. Weisen Sie Eltern aktiv darauf hin: Die Sorge vor hohen Eigenkosten ist ein häufiger Grund, eine nötige Versorgung aufzuschieben.

Wie oft muss die Sitzeinheit im Wachstum angepasst werden?

Planen Sie halbjährliche Kontrollen ein, im Wachstumsschub häufiger. Angepasst werden Sitzbreite, Sitztiefe, Rückenhöhe, Position der Rumpfpelotten und Fußstützenlänge. Solange die Verstellbereiche reichen, ist das eine Anpassung über den Kostenträger ohne neue Zuzahlung - deshalb ist die Verstellreserve beim Kauf wichtiger als der Preis.

Übernimmt die Kasse einen zweiten Rollstuhl für die Schule?

Nur mit funktionaler Begründung, nicht wegen des Ortes. Trägt der Elektrorollstuhl den Schulalltag, wird ein zweites Gerät in der Schule regelmäßig abgelehnt. Begründbar ist dagegen eine Kombination mit unterschiedlicher Funktion - etwa ein leichter Faltrollstuhl für Fahrzeuge und Reisen, in die der Elektrorollstuhl nicht passt. Beschreiben Sie beide Einsatzfälle mit Maßen.

Darf das Kind im Rollstuhl sitzend im Schulbus mitfahren?

Nur wenn der Rollstuhl als Fahrzeugsitz geeignet ist. Maßgeblich sind die Prüfung nach ISO 7176-19 und eine Sicherung des Rollstuhls im Fahrzeug nach DIN 75078-2 - üblicherweise über ein Kraftknoten-System mit vier Verankerungspunkten plus separatem Personengurt. Der Rollstuhlgurt ist kein Sicherheitsgurt. Klären Sie das mit dem Beförderer, bevor der Rollstuhl bestellt wird.

Was ist bei Herz- und Atembeteiligung zu beachten?

Beides verschiebt die Versorgung nach vorn. Eine Kardiomyopathie macht kraftaufwendiges Handrollstuhlfahren unzumutbar - der Elektroantrieb ist dann keine Bequemlichkeit. Kommt eine nichtinvasive Beatmung dazu, müssen Halterung, Befestigungspunkte, zulässige Gesamtbelastung und Akkuverbrauch vorab gerechnet werden. Stimmen Sie das mit dem Beatmungsdienst ab, bevor die Sitzeinheit gefertigt wird.

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