Indikations-Match · Elektrorollstühle

Multiple Sklerose – welcher Rollstuhl passt?

Bei MS ist die Leistungsfähigkeit keine Konstante, sondern eine Kurve – über den Tag, über die Woche, über den Schub hinweg. Wer die Versorgung auf den Zustand im Beratungstermin auslegt, versorgt entweder zu klein oder zu groß. Die Kunst liegt darin, eine Lösung zu finden, die den guten Tag zulässt und den schlechten trägt.

ICD-10: G35.10 (Multiple Sklerose mit vorherrschend schubförmigem Verlauf, ohne Angabe einer akuten Exazerbation) · im Schub G35.11 PG: PG 18 · Rollstühle & Mobilität Lesezeit: ca. 9 Minuten Stand: August 2026
Kurzantwort

Bei MS mit deutlich reduzierter Gehstrecke ist der Elektrorollstuhl für Innen- und Außenbereich (HMV 18.50.04) die tragfähige Versorgung - er ist unabhängig von der Tagesform und von der Fatigue, die selbst kurze Handrollstuhlstrecken unmöglich macht. Bevor darauf umgestellt wird, lohnt die Zwischenstufe: ein restkraftunterstützender Antrieb am vorhandenen Handrollstuhl (18.50.06 festmontiert, 18.99.05 als Aufsteck- oder Radnabenantrieb, 18.99.08 als Greifreifenantrieb) lässt Eigenaktivität am guten Tag zu und trägt am schlechten. Für Transport und Urlaub kommt der zerlegbare Elektrorollstuhl 18.50.07.0 in Frage. Zuzahlung: 10 % des Abgabepreises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 18.50.04 / 18.99.05
01

Die Diagnose — kurz erklärt

In Deutschland leben rund 280.000 Menschen mit Multipler Sklerose, meist mit Erstdiagnose zwischen 20 und 40 Jahren. Die ICD-10-GM unterscheidet die Verlaufsform und an der fünften Stelle, ob eine akute Exazerbation vorliegt - G35.10 ohne, G35.11 mit. Für die Hilfsmittelversorgung ist das mehr als Kodierdetail: Ein Schub ist definitionsgemäß eine über mehr als 24 Stunden anhaltende Verschlechterung, die sich teilweise oder vollständig zurückbilden kann. Eine Versorgung, die auf dem Tiefpunkt eines Schubs bemessen wird, ist nach zwei Monaten zu groß; eine, die am guten Tag bemessen wird, bleibt am schlechten in der Wohnung stehen.

ICD-10
G35.10 / G35.11
fünfte Stelle kodiert die akute Exazerbation
Häufigkeit
ca. 280.000
Menschen mit MS in Deutschland
Therapieziel
Tagesformunabhängigkeit
Aktionsradius auch bei Fatigue sichern
Besonderheit
Wärmeempfindlichkeit
Uhthoff-Phänomen: Wärme verstärkt die Symptome vorübergehend
02

Passende Rollstuhlversorgung

Die Auswahl richtet sich nach der Therapie-Phase. In jeder Phase gibt es Kassen-übliche Rollstuhltypen mit definierter Wirkung und Tragezeit.

PhaseRollstuhltypWirkungTragezeit
Gehstrecke eingeschränkt, Fatigue im TagesverlaufLeichtgewicht-Handrollstuhl plus restkraftunterstützender Greifreifenantrieb (18.50.02.2 + 18.99.08)Am guten Tag wird selbst geschoben, am schlechten übernimmt die Unterstützung. Eine Versorgung deckt beide Zustände ab - genau das, was bei fluktuierendem Verlauf gebraucht wird.Nutzung nach Tagesform, Akku täglich laden
Eigenantrieb regelmäßig nicht mehr möglichElektrorollstuhl für Innen- und Außenbereich (18.50.04.0/.1)Unabhängig von Armkraft und Fatigue. Bei Ataxie oder Tremor mit gedämpftem Fahrprogramm konfigurieren: reduzierte Beschleunigung, gefilterte Joystickauswertung, kurzer Hebelweg.Ganztägig, Reichweite realistisch nach Alltagsstrecke wählen
Fatigue mit Ruhebedarf am TagElektrorollstuhl mit Sitzkantelung und RückenneigungDie Ruhepause findet im Rollstuhl statt statt im Bett - das erhält Termine, Arbeit und Teilhabe. Zusätzlich verlagert die Kantelung den Druck vom Sitzbein und verhindert das Nach-vorn-Rutschen bei Spastik.Kantelung mehrfach täglich für 10-20 Min.
Transport, Reise, ZweitfahrzeugZerlegbarer bzw. faltbarer Elektrorollstuhl (18.50.07.0)Zerlegbar in Module, die auch von einer Begleitperson verladen werden können. Weniger Reichweite und geringere Steigfähigkeit als der Vollrahmen - deshalb als ergänzende, nicht als einzige Versorgung denken.Anlassbezogen, Akku-Transportvorschriften beachten

Rollstuhlwahl bleibt ärztliche Entscheidung

Die Tabelle zeigt typische Versorgungsmuster. Die konkrete Auswahl trifft die behandelnde Ärzt:in in Abstimmung mit der Operateurin oder Physiotherapeut:in.

Für Fachberater und Versorger · ONE.assist

Vom Rezept zur Versorgung — immer den richtigen Artikel.

CareCore.ONE hilft Ihrem Team, aus Rezept und Indikation den passenden Artikel zu finden — schnell, strukturiert und HMV-konform.

ONE.assist
Kostenfrei nutzen Kostenfrei registrieren,
in nur 2 Minuten.
03

Versorgungsweg — von Diagnose bis Rollstuhl

  1. 1

    Verordnung mit Verlaufsangabe, nicht mit Momentaufnahme

    Rezept nach Muster 16 mit G35.1- und einer Beschreibung der Schwankungsbreite: Gehstrecke am guten und am schlechten Tag, Häufigkeit der schlechten Tage, letzter Schub. Ein EDSS-Wert ist hilfreich - ab EDSS 7,0 gilt der Betroffene funktionell als rollstuhlgebunden bei erhaltener Selbstfahrfähigkeit.

    Zeitaufwand: 15 Min.
  2. 2

    Tagesprotokoll über zwei Wochen anlegen

    Bei fluktuierendem Verlauf ist ein Hausbesuch eine Momentaufnahme. Lassen Sie 10 bis 14 Tage Gehstrecke, Ermüdungszeitpunkt und Hilfebedarf notieren. Dieses Protokoll ist im Genehmigungsverfahren das stärkste Argument, weil es die Bandbreite belegt, die eine einzelne Untersuchung nicht zeigt.

    Dauer: 2 Wochen
  3. 3

    Steuerungsfähigkeit prüfen und dokumentieren

    Fahrprobe mit Kurve, Türdurchfahrt und Bremsvorgang. Bei Ataxie, Tremor, Doppelbildern oder kognitiver Fatigue nach mehreren Fahrminuten erneut prüfen - Steuerungsfähigkeit am Anfang der Probe sagt nichts über die am Ende. Ergebnis mit Uhrzeit und Dauer festhalten.

    Zeitaufwand: 45-60 Min.
  4. 4

    Genehmigung mit Abgrenzung zur Regelversorgung

    Elektrorollstühle sind genehmigungspflichtig. Begründen Sie ausdrücklich, warum der Handrollstuhl - auch mit Zusatzantrieb - nicht ausreicht. Rechnen Sie mit einer Bearbeitungszeit von mehreren Wochen und mit einer Einschaltung des MD; die Fristen des § 13 Abs. 3a SGB V laufen dabei mit.

    Dauer: 3-6 Wochen
  5. 5

    Auslieferung, Einweisung, Wohnumfeldcheck

    Einweisung in Fahrprogramme, Freilauf, Ladevorgang und Notabschaltung, dokumentiert mit Unterschrift. Zusätzlich klären: Ladeplatz mit Steckdose, Wendekreis in Wohnung und Bad, Rampe oder Aufzug, Wetterschutz. Ein Elektrorollstuhl ohne Ladeplatz ist ein Möbelstück.

    Zeitaufwand: 45-60 Min.
Für Teams im Sanitätshaus · ONE.assist

Neues Personal. Richtige Produkte. Ab Tag 1.

ONE.assist führt Schritt für Schritt zum passenden Artikel — auch ohne jahrelange Erfahrung im Sortiment.

ONE.assist
Kostenfrei testen Einfach starten, sofort loslegen.
04

Tipps für Patient:innen

Wärme nicht unterschätzen

Beim Uhthoff-Phänomen verstärken erhöhte Körpertemperatur und Hitze die Symptome vorübergehend deutlich. Sitzbezug und Sitzkissen sollten Wärmestau vermeiden, Sonnenschutz und Trinkflaschenhalter gehören zur Beratung. Eine Fahrprobe im heißen Auto ergibt ein anderes Bild als eine im kühlen Ausstellungsraum.

Versorgung nicht im Schub festlegen

Im akuten Schub ist die Funktion am schlechtesten und bildet sich häufig teilweise zurück. Überbrücken Sie mit einem Wiedereinsatzgerät und legen Sie die Endkonfiguration nach Abklingen fest - sonst steht in vier Monaten ein zu groß dimensionierter Rollstuhl in der Wohnung.

Zusatzantrieb vor Elektrorollstuhl prüfen

Bei Tagesformschwankung ist der restkraftunterstützende Antrieb oft die passendere Antwort: Er erhält die Eigenaktivität, ist leichter zu transportieren und wird von Kassen schneller genehmigt. Der Elektrorollstuhl ist die richtige Stufe, wenn die Restkraft auch am guten Tag nicht mehr reicht.

Gehfähigkeit aktiv erhalten

Ein Rollstuhl schließt Gehtraining nicht aus. Rollator aus PG 10, Fußhebeorthese und Physiotherapie laufen parallel weiter. Sagen Sie das ausdrücklich - viele Betroffene erleben die Rollstuhlverordnung als Kapitulation und lehnen sie deshalb zu lange ab.

05

Häufige Fragen

Wie beweise ich der Kasse einen schwankenden Bedarf?

Mit Dokumentation über Zeit, nicht mit einer Untersuchung. Bewährt hat sich ein Tagesprotokoll über 10 bis 14 Tage mit Gehstrecke, Zeitpunkt der Erschöpfung und Hilfebedarf, ergänzt um die Schubanamnese der letzten zwölf Monate und den EDSS-Wert. Diese Kombination belegt die Bandbreite. Eine Formulierung wie 'zeitweise gehunfähig' ohne Zahlen führt regelmäßig zur Nachfrage oder zur Ablehnung.

Elektrorollstuhl oder Elektromobil bei MS?

In der Regel der Elektrorollstuhl. Das Elektromobil setzt voraus, dass der Nutzer selbstständig aufsteigt, frei sitzt und die Lenkung mit beiden Händen führt - bei Rumpfschwäche, Ataxie oder Fatigue ist das nicht verlässlich gegeben. Zudem fehlt dem Elektromobil die Sitzkantelung, die bei Fatigue und Dekubitusrisiko wichtig ist. Für den Innenbereich ist es ohnehin zu groß.

Braucht der Nutzer für den Elektrorollstuhl einen Führerschein?

Nein. Elektrorollstühle bis 6 km/h sind fahrerlaubnisfrei und gelten verkehrsrechtlich als Fußgänger, ein Versicherungskennzeichen ist nicht erforderlich. Über 6 km/h wird ein Versicherungskennzeichen fällig. Eine private Haftpflicht mit Einschluss von Krankenfahrstühlen ist dringend zu empfehlen, aber keine Pflicht. Vorausgesetzt wird immer die Steuerungsfähigkeit - bei Sehstörungen oder kognitiver Beteiligung verlangt die Kasse oft eine dokumentierte Fahrprobe.

Zahlt die Kasse Handrollstuhl und Elektrorollstuhl gleichzeitig?

Das ist begründbar, aber kein Automatismus. Anerkannt wird eine Doppelausstattung, wenn zwei funktional verschiedene Bedarfe bestehen - etwa Elektrorollstuhl für den Außenbereich und leichter Handrollstuhl für Wohnung, Transport oder Reise, wo der Elektrorollstuhl nicht hineinkommt. Beschreiben Sie beide Einsatzorte konkret mit Maßen; die Begründung 'für alle Fälle' trägt nicht.

Was passiert bei Verschlechterung mit dem vorhandenen Rollstuhl?

Er wird angepasst, solange das technisch möglich ist - andere Sitzeinheit, Kantelung, Sondersteuerung. Erst wenn die Plattform selbst nicht mehr passt, ist eine Neuversorgung nötig. Eine gesetzliche Frist gibt es nicht; maßgeblich ist der aktuelle Bedarf. Bei MS ist deshalb wichtig, bereits bei der Erstauswahl auf eine ausbaufähige Plattform zu achten, deren Sitzeinheit und Steuerung später erweiterbar sind.

Für Fachberater und Versorger
ONE.assist

Artikel, Varianten & Indikationen.
Alles klar, in nur 20 Sekunden.

Kostenlos starten