Indikations-Match · Adaptivrollstühle

Querschnittlähmung – welcher Rollstuhl passt?

Bei einer Querschnittlähmung ist der Rollstuhl kein Hilfsmittel für eine Übergangszeit, sondern das Fortbewegungsmittel für Jahrzehnte. Zwei Größen entscheiden über diese Zeit: die Position der Antriebsachse, weil sie die Schulter über Millionen Schübe belastet oder schont – und die Druckentlastung, weil das Sitzbein bei fehlender Sensibilität keine Warnung sendet.

ICD-10: G82.12 (Spastische Paraplegie, chronisch komplett) · Zusatzkode G82.6-! für die funktionale Höhe der Rückenmarkschädigung PG: PG 18 · Rollstühle & Mobilität Lesezeit: ca. 9 Minuten Stand: August 2026
Kurzantwort

Bei Querschnittlähmung mit erhaltener Armfunktion ist der Adaptivrollstuhl die Regelversorgung - als Starrrahmen (HMV 18.50.03.5) für die aktive Dauernutzung oder als Adaptivfaltrollstuhl (18.50.03.0), wenn das Faltmaß den Transport bestimmt. Er wird nicht nach Konfektionsgröße gewählt, sondern über Sitzmaße, Rückenhöhe, Radsturz und vor allem die Position der Antriebsachse konfiguriert: Eine weiter vorn liegende Achse senkt Kraftaufwand und Schubfrequenz - und damit die Schulterbelastung -, macht den Rollstuhl aber kippfreudiger. Die Druckverteilung leistet nicht der Rollstuhl, sondern ein Sitzkissen aus PG 11. Zuzahlung: 10 % des Abgabepreises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 18.50.03
01

Die Diagnose — kurz erklärt

Schätzungen gehen von etwa 2.000 bis 2.400 neuen Querschnittlähmungen pro Jahr in Deutschland aus, traumatisch und nicht traumatisch zusammen. Die ICD-10-GM kodiert an der fünften Stelle, ob die Lähmung akut oder chronisch und komplett oder inkomplett ist - G82.12 steht für eine chronische komplette spastische Paraplegie. Die funktionale Höhe wird zusätzlich mit einem Ausrufezeichen-Kode aus G82.6- angegeben, etwa G82.65! für Th11 bis L1. Für die Versorgung ist genau diese Höhe die Leitgröße: Sie bestimmt Rumpfkontrolle, Greifkraft und damit, ob überhaupt selbst gefahren werden kann.

ICD-10
G82.12 + G82.6-!
Lähmungsart plus funktionale Höhe als Zusatzkode
Häufigkeit
ca. 2.000-2.400/Jahr
Neuerkrankungen in Deutschland
Therapieziel
Lebenslange Eigenmobilität
Schulter schonen, Aktionsradius erhalten
Besonderheit
Dauerhaftes Dekubitusrisiko
keine Schmerzwarnung unterhalb des Lähmungsniveaus
02

Passende Rollstuhlversorgung

Die Auswahl richtet sich nach der Therapie-Phase. In jeder Phase gibt es Kassen-übliche Rollstuhltypen mit definierter Wirkung und Tragezeit.

PhaseRollstuhltypWirkungTragezeit
Erstversorgung in der Reha (Monat 1-6)Adaptivfaltrollstuhl, mehrfach verstellbar (18.50.03.0)Verstellbare Achsplatte und Sitzhöhe erlauben es, die Einstellung während des Rollstuhltrainings nachzuführen. Die Endkonfiguration entsteht erst, wenn Rumpfkontrolle und Schubtechnik stabil sind.Sitzzeit steigend auf 10-14 h täglich
Dauerversorgung Paraplegie, aktive NutzungAdaptivstarrrahmenrollstuhl (18.50.03.5), Leergewicht meist unter 10 kgDer Starrrahmen überträgt die Schubkraft ohne Verwindungsverlust, die Achse liegt weiter vorn. Ergebnis: weniger Schübe pro Strecke, geringere Schulterbelastung, engerer Wendekreis.Ganztägige Nutzung, Druckentlastung alle 15-30 Min.
Tetraplegie mit eingeschränkter GreiffunktionAdaptivrollstuhl mit beschichteten Greifreifen, ggf. RückenlehnenverstellungReibungsgriffe ersetzen den fehlenden Faustschluss ab etwa Höhe C6. Höherer Rücken und Seitenführung stabilisieren den Rumpf, ohne die Armfreiheit zu nehmen.Ganztägig, Entlastung durch Begleitperson mit einplanen
Langzeitverlauf mit Schulterüberlastung (nach Jahren)Restkraftunterstützender Greifreifenantrieb (18.99.08) oder Zug-/Aufsteckantrieb (18.99.04.0 / 18.99.05.0)Die Unterstützung reduziert die Spitzenkräfte am Schultergelenk und erhält die Eigenmobilität, ohne auf einen Elektrorollstuhl umzusteigen. Frühzeitig prüfen - nicht erst, wenn die Rotatorenmanschette geschädigt ist.Dauerhaft, jährliche Schulterkontrolle

Rollstuhlwahl bleibt ärztliche Entscheidung

Die Tabelle zeigt typische Versorgungsmuster. Die konkrete Auswahl trifft die behandelnde Ärzt:in in Abstimmung mit der Operateurin oder Physiotherapeut:in.

Für Fachberater und Versorger · ONE.assist

Vom Rezept zur Versorgung — immer den richtigen Artikel.

CareCore.ONE hilft Ihrem Team, aus Rezept und Indikation den passenden Artikel zu finden — schnell, strukturiert und HMV-konform.

ONE.assist
Kostenfrei nutzen Kostenfrei registrieren,
in nur 2 Minuten.
03

Versorgungsweg — von Diagnose bis Rollstuhl

  1. 1

    Verordnung mit Lähmungshöhe und Funktionsstatus

    Rezept nach Muster 16 mit dem G82-Kode inklusive fünfter Stelle und dem Zusatzkode zur funktionalen Höhe. Ergänzend die erhaltene Greif- und Rumpffunktion beschreiben. Bei Adaptivrollstühlen prüft die Kasse den Aktivitätsanspruch - ohne Funktionsbeschreibung wird auf den Standardrollstuhl verwiesen.

    Zeitpunkt: aus dem Querschnittzentrum
  2. 2

    Sitzanalyse und Achsposition bestimmen

    Sitzbreite bei Aktivversorgung am unteren Rand ansetzen: Gesäßbreite plus etwa 2 cm. Jeder zusätzliche Zentimeter erhöht die Schulterabduktion beim Greifen und damit die Dauerbelastung. Achsposition, Sitzwinkel und Rückenhöhe gemeinsam festlegen - jede Änderung verschiebt den Schwerpunkt.

    Zeitaufwand: 60-90 Min.
  3. 3

    Sitzkissen aus PG 11 getrennt verordnen

    Unterhalb des Lähmungsniveaus fehlt die Schmerzwarnung, der Dekubitus entsteht ohne Vorzeichen. Der Rollstuhl selbst bringt keine Druckverteilung mit. Kissenart nach Risikoprofil auswählen und getrennt verordnen und abrechnen - PG 11, nicht PG 18.

    Wichtig: zwei Verordnungen
  4. 4

    Probefahrt und Feinjustage im Alltag

    Nach der Erstauslieferung mindestens einen Nachjustagetermin einplanen: Kippverhalten an Bordsteinen, Rollverhalten auf Teppich, Erreichbarkeit des Greifreifens, Sitz nach zwei Stunden. Fast jede Aktivversorgung wird beim zweiten Termin verändert - wer den nicht einplant, liefert einen Rollstuhl aus, der 'fast passt'.

    Zeitaufwand: 45 Min., 2-4 Wochen nach Auslieferung
  5. 5

    Zweitversorgung und Zubehör klären

    Duschrollstuhl, Sportrollstuhl und Zuggeräte sind eigene Positionen mit eigener Begründung. Dusch- und Toilettenrollstühle werden auf der Academy unter /academy/toilettenhilfen/ behandelt. Ein Zweitrollstuhl ist begründbar, aber nie selbstverständlich - der Bedarf muss sich funktional unterscheiden, nicht nur örtlich.

    Zeitaufwand: 20 Min.
Für Teams im Sanitätshaus · ONE.assist

Neues Personal. Richtige Produkte. Ab Tag 1.

ONE.assist führt Schritt für Schritt zum passenden Artikel — auch ohne jahrelange Erfahrung im Sortiment.

ONE.assist
Kostenfrei testen Einfach starten, sofort loslegen.
04

Tipps für Patient:innen

Druckentlastung ist Teil der Einweisung

Entlastung alle 15 bis 30 Minuten für ein bis zwei Minuten - durch Anheben, Vorneigen oder seitliches Verlagern. Ohne diese Routine hilft auch das beste Sitzkissen nicht. Bei Tetraplegie muss die Entlastung von der Assistenz übernommen und terminiert werden.

Schulter ist das Verschleißteil, nicht der Rollstuhl

Schulterschmerzen sind bei langjähriger Handrollstuhlnutzung sehr häufig. Achsposition, Gewicht und Sitzhöhe entscheiden über die Zahl der Schübe pro Tag. Nehmen Sie die Schulterbeschwerden bei jeder Nachkontrolle aktiv auf - sie sind das Frühsignal für eine Umversorgung.

Kippstabilität bewusst einstellen

Achse weiter vorn heißt leichter fahren und kippfreudiger. Das ist erwünscht, wenn der Nutzer den Ankipp beherrscht, und gefährlich, wenn nicht. Legen Sie die Position nach Fahrkönnen fest und dokumentieren Sie sie - inklusive Kippschutz in der Lernphase.

Autonome Dysreflexie kennen

Bei Lähmungshöhen oberhalb Th6 können Druckstellen, eine gefüllte Blase oder ein zu enger Gurt eine überschießende Blutdruckreaktion auslösen. Wenn Nutzer über plötzliche Kopfschmerzen oder Schweißausbruch im Sitzen berichten, ist das kein Komfortthema, sondern ein medizinisches.

05

Häufige Fragen

Starrrahmen oder Faltrahmen?

Der Starrrahmen (18.50.03.5) fährt effizienter, ist leichter und schont über die Jahre die Schulter. Der Adaptivfaltrollstuhl (18.50.03.0) gewinnt, wenn der Transport im kleinen Pkw, im Kofferraum eines Drittfahrzeugs oder in engen Fluren den Alltag bestimmt. Fragen Sie nach dem Transportweg, nicht nach der Vorliebe: Wer täglich verlädt, entscheidet sich anders als wer den Rollstuhl im Fahrzeug stehen lässt.

Gehört der Aktivrollstuhl dem Nutzer?

Nein, in der Regel bleibt auch der individuell konfigurierte Adaptivrollstuhl Eigentum der Krankenkasse und wird leihweise überlassen. Nach Ende der Versorgung geht er zurück in den Wiedereinsatz. Praktisch ist ein Wiedereinsatz bei millimetergenau angepassten Rahmen selten, die Rückgabepflicht besteht trotzdem. Umbauten und Verkauf durch den Nutzer sind nicht zulässig - Anpassungen laufen über das Sanitätshaus.

Wer zahlt Zusatzausstattung wie leichtere Räder oder Sonderfarbe?

Funktional begründete Ausstattung ist Teil der Versorgung, wenn sie den medizinischen Zweck erfüllt - etwa leichtere Räder zur Reduktion der Schulterbelastung. Rein gestalterische Wünsche sind Mehrkosten und werden über eine schriftliche Mehrkostenerklärung vor der Auslieferung vereinbart. Nachträglich lässt sich das nicht heilen, deshalb gehört das Gespräch in den Beratungstermin.

Braucht es zusätzlich einen Elektrorollstuhl?

Möglich, aber begründungspflichtig. Eine Doppelausstattung wird anerkannt, wenn zwei funktional verschiedene Bedarfe bestehen - etwa Handrollstuhl in der Wohnung und Elektroantrieb für Strecken, die mit der Schulter nicht mehr leistbar sind. Prüfen Sie vorher die schonendere Stufe: restkraftunterstützende Greifreifenantriebe (18.99.08) oder Zug- und Aufsteckantriebe erhalten den Adaptivrollstuhl und lösen dasselbe Problem.

Wann ist eine Neuversorgung fällig?

Wenn der Rollstuhl den Bedarf nicht mehr deckt oder nicht wirtschaftlich reparabel ist - eine gesetzliche Frist gibt es nicht. Bei Querschnittlähmung sind die typischen Auslöser Gewichtsveränderung, neu aufgetretene Schulterbeschwerden, veränderte Rumpfkontrolle und ein Rahmenverschleiß, der die Achsplatte betrifft. Die häufig genannten fünf Jahre sind eine Kalkulationsgröße der Verträge, kein Anspruchszeitraum.

Für Fachberater und Versorger
ONE.assist

Artikel, Varianten & Indikationen.
Alles klar, in nur 20 Sekunden.

Kostenlos starten