Eine Cervicalorthese (auch Halskrause oder Cervikalstütze) stabilisiert oder immobilisiert die Halswirbelsäule (HWS) — je nach Bauart als weicher Schaumstoff-Kragen bis hin zu rigiden zweiteiligen Systemen mit Kinn- und Hinterkopfstütze.
Das Spektrum reicht von der einfachen Schanz-Krawatte mit propriozeptiver Erinnerungsfunktion bis zur SOMI-/Minerva-Orthese mit maximaler Immobilisation der gesamten HWS. Verordnet wird sie unter einer 7-stelligen HMV-Nummer der Produktgruppe 23.12.
Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis, PG 23 · § 139 SGB V · Stand 04/2026Typen von Cervicalorthesen im Überblick
Cervicalorthesen werden nach ihrer Wirkungsweise unterschieden. Entscheidend für die Auswahl sind Indikation, Heilungsphase und das gewünschte Aktivitätsniveau.
| Typ | Wirkung | Typische Indikation | HMV-Untergruppe |
|---|---|---|---|
| Weiche Cervicalstütze (Schanz-Krawatte) Schaumstoff-Kragen, Klettverschluss | Propriozeptive Erinnerung, Wärmewirkung, minimale Bewegungseinschränkung. Stützt nicht strukturell, sondern erinnert an Schonhaltung. | HWS-Syndrom, Schleudertrauma Grad I | 23.12.01 |
| Halbrigide Cervicalorthese Kunststoff-Verstärkung + Polster | Moderate Einschränkung von Flexion/Extension und Rotation. Bessere Stabilisierung als Schaumstoff-Kragen bei tragbarem Komfort. | Schleudertrauma Grad II, degenerative HWS-Erkrankung | 23.12.02 |
| Rigide Cervicalorthese (Philadelphia) Zweiteiliger Kunststoff-Kragen, Kinn-/Hinterkopfstütze | Weitgehende Immobilisation aller HWS-Bewegungen (Flexion, Extension, Rotation, Lateralflexion). | HWS-Fraktur konservativ, postoperativ nach Spondylodese | 23.12.03 |
| SOMI-/Minerva-Orthese Kopf-Brust-Verbindung mit Stirnband + Brustplatte | Maximale Immobilisation inkl. oberer HWS (C0–C2). Überbrückt Kopf-Rumpf-Verbindung mit Dreipunkt-Abstützung. | Densfraktur, Hangman-Fraktur, postoperative Fixation obere HWS | 23.12.04 |
Auszug. Vollständige Einordnung inkl. Herstellerartikel im GKV-Hilfsmittelverzeichnis.
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Aufbau und Wirkprinzip — Cervicalorthese
Cervicalorthesen: Mehrere funktionale Elemente erzeugen zusammen Führung und Schutz.
Kinn-Stütze (anterior)
Formangepasste Kunststoff-Schale, die den Unterkiefer von vorne aufnimmt. Begrenzt Flexion und verhindert ein Absinken des Kopfes nach vorne.
Halsteil (Cervikalteil)
Umschließt den Hals ringförmig. Bei rigiden Modellen aus zweiteiligem Kunststoff (anterior + posterior), bei weichen aus anatomisch vorgeformtem Schaumstoff.
Hinterkopf-Stütze (okzipital)
Gegenpart zur Kinn-Stütze. Nimmt das Hinterhaupt auf und begrenzt Extension. Bei Philadelphia-Orthesen fest mit dem Halsteil verbunden.
Verschlusssystem
Klettverschlüsse lateral oder dorsal zur stufenlosen Anpassung des Umfangs. Ermöglicht Anlegen und Abnehmen ohne Kopfbewegung.
Ziel: Stabilisierung ohne Muskelabbau
Eine korrekt angepasste Orthese verteilt Kräfte über Muskulatur und Knochen — nicht über Weichteile. Drückt die Schiene punktuell, muss die Anpassung korrigiert werden.
Häufige Indikationen
Die folgenden Diagnosen führen in der Praxis am häufigsten zu einer Verordnung. Die Auswahl des Orthesentyps hängt von Schweregrad, Heilungsphase und Aktivitätsniveau ab.
-
HWS-Syndrom (Cervikalsyndrom)Weiche Cervicalstütze, kurzfristig
-
Schleudertrauma (Whiplash Grad I–III)Je nach Schwere: weich bis rigide
-
HWS-Fraktur (C3–C7)Rigide Philadelphia-Orthese
-
Densfraktur (C2)SOMI-Orthese oder Halo-Fixateur
-
Bandscheibenvorfall HWSHalbrigide Orthese
-
Postoperativ (Spondylodese, ACDF)Rigide Orthese 6–12 Wochen
-
Zervikale SpinalkanalstenoseHalbrigide Orthese bei konservativer Therapie
Versorgungsweg — von Rezept bis Anpassung
Der typische Weg vom ärztlichen Befund bis zur fertig angepassten Cervicalorthese dauert in Deutschland zwischen 3 und 14 Tagen.
- 1
Diagnose und Verordnung
Orthopäd:in, Unfallchirurg:in oder Notärzt:in stellt die Indikation und verordnet die Cervicalorthese per Muster-16-Rezept mit 7-stelliger HMV-Nummer und Diagnose (ICD-10). Bei akuten Frakturen erfolgt die Erstanlage häufig direkt in der Notaufnahme.
Dauer: 1 Arztbesuch / Akut sofort - 2
Kostenvoranschlag & Genehmigung
Das Sanitätshaus prüft die Verordnung, erstellt einen Kostenvoranschlag und reicht ihn bei der Krankenkasse ein. Bei weichen Cervicalstützen entfällt die Genehmigung; bei SOMI-/Minerva-Orthesen ist eine Vorab-Genehmigung erforderlich (Frist: 3 Wochen, § 13 Abs. 3a SGB V).
Dauer: 0 – 21 Tage - 3
Anmessung im Sanitätshaus
Orthopädietechniker:in misst Halsumfang, Kinn-Sternum-Abstand und Höhe der HWS (Kinn bis Schlüsselbein). Die Messung erfolgt bei neutraler Kopfhaltung — Schwellungen oder Schmerzen werden dokumentiert.
Dauer: 15 – 25 Minuten - 4
Anprobe & Einweisung
Kontrolle der Passform: Kinn-Stütze muss Unterkiefer vollflächig aufnehmen, Hinterkopf-Stütze darf nicht auf Dornfortsätze drücken. Demonstration des korrekten An- und Ablegens (bei rigiden Modellen immer zu zweit). Hinweis auf Hautpflege unter der Orthese.
Dauer: 15 – 20 Minuten - 5
Abgabe & Abrechnung
Abgabe gegen Unterschrift auf Empfangsbestätigung mit Datum. Sanitätshaus rechnet die Leistung direkt mit der Krankenkasse ab; Patient:in zahlt die gesetzliche Zuzahlung (5 – 10 €, max. 10 % des Preises).
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Kontrolltermin
Nachsorge nach 1 – 2 Wochen: Passform-Check, Überprüfung auf Druckstellen an Kinn, Hinterhaupt und Schlüsselbein. Bei fortgeschrittener Heilung ggf. Wechsel von rigider Orthese auf halbrigides Modell.
Wichtig: Akutversorgung → Nachversorgung im Sanitätshaus
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Abrechnung und Kosten
Grundlage jeder Abrechnung ist der Vertrag zwischen Leistungserbringer und Krankenkasse. Die folgenden Werte sind Orientierungswerte — verbindliche Preise ergeben sich aus den Kassenverträgen.
| Orthesentyp | HMV-Nr. (Beispiel) | Richtwert GKV | Zuzahlung | Genehmigungspflicht |
|---|---|---|---|---|
| Weiche Cervicalstütze | 23.12.01.0001 | 15 – 35 € | 5 € | Nein |
| Halbrigide Cervicalorthese | 23.12.02.1003 | 55 – 140 € | 5 – 10 € | Nein |
| Rigide Cervicalorthese | 23.12.03.2008 | 120 – 280 € | 10 € | Teilweise |
| SOMI-/Minerva-Orthese | 23.12.04.3001 | 350 – 650 € | 10 € | Ja |
Hinweis zur Zuzahlungsbefreiung
Versicherte unter 18 Jahren, chronisch Kranke mit Befreiungsbescheid sowie Personen mit überschrittener Belastungsgrenze sind von der Zuzahlung befreit. Den Nachweis erbringt die Krankenkasse.
Häufige Fragen
Wie lange muss ich die Halskrause nach einem Schleudertrauma tragen?
Das hängt vom Schweregrad ab:
- Grad I (leicht): Aktuelle Leitlinien empfehlen maximal 72 Stunden mit weicher Cervicalstütze, danach frühzeitige aktive Mobilisation.
- Grad II (mäßig): Halbrigide Orthese für 1 – 3 Wochen.
- Grad III (schwer): Rigide Orthese nach fachärztlicher Vorgabe, oft 6 – 12 Wochen.
Wichtig: Prolongierte Ruhigstellung bei leichtem Schleudertrauma ist heute kontraindiziert.
Ist eine weiche Halskrause oder eine harte Orthese besser?
Beides hat seinen Platz — entscheidend ist die Indikation:
- Weiche Cervicalstütze: Für Komfort, Wärme und propriozeptive Erinnerung. Keine echte Immobilisation.
- Rigide Orthese: Für tatsächliche strukturelle Stabilisierung bei Frakturen, postoperativ oder schwerer Instabilität.
Die Ärzt:in entscheidet anhand der Bildgebung und klinischen Befunde.
Kann ich mit einer Cervicalorthese Auto fahren?
In der Regel nein — die eingeschränkte Kopfrotation ist ein Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr. Der Schulterblick ist bei den meisten Cervicalorthesen nicht möglich.
Ausnahme: Einige halbrigide Modelle erlauben noch ausreichend Rotation. Die Entscheidung trifft die Ärzt:in individuell.
Stört die Cervicalorthese beim Schlafen?
Die ersten 3 – 5 Nächte sind erfahrungsgemäß schwierig. Empfohlen wird ein spezielles Nackenstützkissen, Rückenlage und bei Philadelphia-Orthesen das durchgehende Tragen auch nachts. Weiche Cervicalstützen dürfen nach ärztlicher Rücksprache nachts oft abgelegt werden.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Cervicalorthese?
Ja, bei medizinischer Notwendigkeit (Verordnung auf Muster-16-Rezept). Die GKV übernimmt die Kosten bis zum Vertragspreis. Patient:innen ab 18 Jahren zahlen die gesetzliche Zuzahlung (5 – 10 €). Bei SOMI-/Minerva-Orthesen ist eine Vorab-Genehmigung durch die Krankenkasse erforderlich.
Kann zu langes Tragen einer Halskrause schaden?
Ja — prolongiertes Tragen einer weichen Cervicalstütze führt nachweislich zu Muskelatrophie der Halsmuskulatur, Steifigkeit durch mangelnde Bewegung und psychologischer Abhängigkeit. Die aktuelle Evidenz favorisiert frühzeitige aktive Mobilisation. Cervicalorthesen sind ein zeitlich begrenztes Therapiemittel.