Praxiswissen · Kompression

Kompressionsklassen (CCL 1–4) — Überblick & Verordnungslogik

Die Kompressionsklasse bestimmt den therapeutischen Anpressdruck — und damit die Wirksamkeit der Versorgung. Von leichter Stützwirkung (CCL 1) bis hin zu starker Kompression bei schweren Ödemen (CCL 4). Dieser Leitfaden erklärt alle vier Klassen mit Indikationen, Druckwerten und Praxistipps.

Zielgruppe: Leistungserbringer im Sanitätshaus PG: PG 17 · Kompression Lesezeit: ca. 7 Minuten Stand: Mai 2026
Kurzantwort

Die Kompressionstherapie unterscheidet vier Kompressionsklassen (CCL) nach RAL-GZ 387: CCL 1 (leicht, 18–21 mmHg), CCL 2 (mittel, 23–32 mmHg), CCL 3 (kräftig, 34–46 mmHg) und CCL 4 (sehr kräftig, >49 mmHg). Die Kompressionsklasse wird vom Arzt verordnet und muss auf dem Rezept angegeben sein. CCL 2 ist die am häufigsten verordnete Klasse.

Quelle: RAL-GZ 387 · GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 17
01

Die vier Kompressionsklassen im Detail

  1. 1

    CCL 1 — Leichte Kompression (18–21 mmHg)

    CCL 1 bietet eine leichte Stützwirkung und wird bei Beginn einer venösen Erkrankung eingesetzt. Typische Indikationen: funktionelle venöse Beschwerden (müde, schwere Beine), beginnende Varikosis ohne signifikante Ödeme, Schwangerschaftsvarikosis im Frühstadium und Thromboseprophylaxe auf Reisen. CCL 1 ist die leichteste verordnungsfähige Kompressionsklasse und wird oft als Einstieg verwendet, wenn Patienten erstmals Kompression tragen.

    18–21 mmHg · Einstieg, leichte Beschwerden
  2. 2

    CCL 2 — Mittlere Kompression (23–32 mmHg)

    CCL 2 ist die Standard-Kompressionsklasse und wird am häufigsten verordnet. Indikationen: ausgeprägte Varikosis, chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) Grad I–II, Zustand nach Thrombose, Schwangerschaftsvarikosis mit Ödemen, postoperativ nach Venenoperationen und leichte Lymphödeme. Etwa 70 % aller Kompressionsverordnungen entfallen auf CCL 2. Sie bietet ein gutes Verhältnis zwischen therapeutischer Wirksamkeit und Tragekomfort.

    23–32 mmHg · Standard, ca. 70 % aller Verordnungen
  3. 3

    CCL 3 — Kräftige Kompression (34–46 mmHg)

    CCL 3 liefert einen kräftigen Anpressdruck und wird bei fortgeschrittenen Erkrankungen eingesetzt. Indikationen: schwere CVI (Grad III) mit trophischen Hautveränderungen, Ulcus-cruris-Therapie und -Rezidivprophylaxe, ausgeprägtes Lymphödem, postthrombotisches Syndrom und Zustand nach Ulcus cruris. CCL 3 erfordert vom Patienten mehr Kraft beim Anziehen — Anziehhilfen werden häufig mitverordnet.

    34–46 mmHg · Fortgeschrittene Erkrankungen
  4. 4

    CCL 4 — Sehr kräftige Kompression (>49 mmHg)

    CCL 4 ist die stärkste Kompressionsklasse und wird nur bei schweren, therapieresistenten Zuständen eingesetzt. Indikationen: Elephantiasis, schwerste Lymphödeme, massivste Ödeme. CCL 4 wird selten verordnet (unter 1 % aller Verordnungen) und erfordert fast immer Flachstrick-Maßanfertigung. Das Anziehen ist ohne Anziehhilfe oder Unterstützung kaum möglich. Oft wird alternativ eine Übereinander-Versorgung (zwei Strümpfe CCL 2 = addierter Druck) eingesetzt.

    >49 mmHg · Selten, schwerste Zustände
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Häufige Fehler vermeiden

  • 1

    Patient erhält CCL 2, obwohl CCL 1 ausreichen würde

    Überversorgung ist genauso problematisch wie Unterversorgung: Ein zu starker Strumpf wird nicht getragen, weil er beim Anziehen zu schwierig ist oder Beschwerden verursacht. Die CCL muss zur Indikation passen — bei leichten Beschwerden ohne signifikante Pathologie ist CCL 1 die richtige Wahl.

  • 2

    CCL 3 ohne Anziehhilfe verordnet

    Ab CCL 3 haben viele Patienten — besonders ältere oder bewegungseingeschränkte — Schwierigkeiten beim Anziehen. Klären Sie bei der Versorgung, ob der Patient den Strumpf selbstständig anziehen kann. Falls nicht, empfehlen Sie dem Arzt die Mitverordnung einer Anziehhilfe (HMV 17.99.xx). Das erhöht die Compliance deutlich.

  • 3

    CCL-Wechsel bei Folgeversorgung nicht beachtet

    Bei einer Folgeversorgung kann der Arzt die CCL anpassen (z. B. von CCL 3 auf CCL 2 nach Therapieerfolg). Prüfen Sie bei jedem neuen Rezept die verordnete CCL — übernehmen Sie nie automatisch die CCL der letzten Versorgung.

  • 4

    Stütz- und Reisestrümpfe als medizinische Kompression abgerechnet

    Stützstrümpfe (unter 18 mmHg) sind keine medizinischen Kompressionsstrümpfe und nicht verordnungsfähig. Nur Produkte, die nach RAL-GZ 387 geprüft sind und eine definierte Kompressionsklasse (CCL 1–4) tragen, dürfen über die Krankenkasse abgerechnet werden.

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Kompressionsklassen im Überblick

CCLDruck (Fessel)BezeichnungTypische IndikationHäufigkeitTypische Strickart
CCL 118–21 mmHgLeichtBeginnende Varikosis, müde Beine, Schwangerschaft (Früh), Reiseprophylaxeca. 15 %Rundstrick
CCL 223–32 mmHgMittelCVI I–II, Varikosis, Z. n. Thrombose, leichtes Lymphödem, postoperativca. 70 %Rund- oder Flachstrick
CCL 334–46 mmHgKräftigSchwere CVI III, Ulcus cruris, ausgeprägtes Lymphödem, PTSca. 14 %Meist Flachstrick
CCL 4>49 mmHgSehr kräftigElephantiasis, schwerste Lymphödeme< 1 %Flachstrick (Maßanfertigung)
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Praxistipp

CCL-Wahl ist Arzt-Entscheidung — aber Beratung ist Pflicht: Die Kompressionsklasse wird vom Arzt verordnet. Als Sanitätshaus sind Sie jedoch verpflichtet, die Plausibilität zu prüfen. Wenn die CCL offensichtlich nicht zur Diagnose passt (z. B. CCL 1 bei Ulcus cruris), sprechen Sie den Arzt darauf an. Dokumentieren Sie die Rücksprache.

Compliance durch richtige CCL-Wahl: Die beste Kompression ist die, die getragen wird. Bei Erstversorgung kann es sinnvoll sein, mit CCL 1 oder CCL 2 zu beginnen und bei Bedarf zu steigern — besonders bei Patienten, die noch nie Kompression getragen haben. Ein Patient, der seinen CCL-3-Strumpf im Schrank lässt, hat keinen therapeutischen Nutzen.

Übereinander-Versorgung als Alternative zu CCL 3/4: Statt eines einzelnen CCL-3- oder CCL-4-Strumpfes können zwei Strümpfe niedrigerer Klasse übereinander getragen werden (z. B. CCL 1 + CCL 2 = ca. CCL 3). Das erleichtert das Anziehen erheblich und wird von vielen Patienten besser akzeptiert. Die Verordnung muss entsprechend formuliert sein.

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Häufige Fragen aus der Praxis

Was bedeuten die mmHg-Angaben bei Kompressionsstrümpfen?

mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) ist die Maßeinheit für den Anpressdruck des Kompressionsstrumpfs. Der Druck wird an der Fessel (dem dünnsten Punkt oberhalb des Knöchels) gemessen und nimmt zum Oberschenkel hin ab. Dieser abnehmende Druckverlauf (graduierte Kompression) unterstützt den venösen Rückfluss zum Herzen.

Sind Stützstrümpfe das gleiche wie CCL 1?

Nein. Stützstrümpfe haben einen Anpressdruck unter 18 mmHg und sind keine medizinischen Kompressionsstrümpfe. Sie unterliegen nicht der RAL-GZ 387 und sind nicht verordnungsfähig. CCL 1 beginnt bei 18 mmHg und muss nach RAL-Standard geprüft sein. Im Sanitätshaus klar zwischen Stützstrümpfen (Freiverkauf) und medizinischer Kompression (verordnungsfähig) trennen.

Kann man zwei CCL-2-Strümpfe übereinander tragen statt CCL 4?

Ja, die Übereinander-Versorgung ist eine anerkannte therapeutische Option. Zwei Strümpfe CCL 2 übereinander ergeben einen addierten Druck im Bereich von CCL 3 bis CCL 4 — bei deutlich leichterem Anziehen. Die Verordnung muss entsprechend formuliert sein (z. B. '2 × CCL 2 zur Übereinanderversorgung'). Nicht alle Kassenverträge sehen diese Variante explizit vor — Vertragslage prüfen.

Wird CCL 1 von der Krankenkasse bezahlt?

Ja, CCL 1 ist verordnungs- und erstattungsfähig, wenn eine medizinische Indikation vorliegt und der Arzt die Verordnung ausstellt. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten wie bei jeder anderen Kompressionsklasse. Der Versicherte zahlt die gesetzliche Zuzahlung (10 %, min. 5 €, max. 10 €). Ohne ärztliche Verordnung ist auch CCL 1 eine Privatleistung.

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