Die Auswahl der richtigen Gehhilfe richtet sich nach Indikation, Restmobilität, Griffkraft und Nutzungsumfeld des Patienten. Gehstöcke, Unterarmgehstützen, Gehgestelle und Rollatoren decken unterschiedliche Bedarfe ab — eine systematische Auswahl verhindert Fehl- und Unterversorgung.
Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 10, DGIHV-EmpfehlungenAuswahlprozess
Die Gehhilfen-Auswahl folgt einem strukturierten Prozess — vom Rezept über die Bedarfsanalyse bis zur Produktentscheidung.
- 1
Rezept und Indikation analysieren
Verordnete Gehhilfe, Diagnose und ICD-10-Code auswerten. Stimmt die verordnete Gehhilfe zur Indikation? Bei Unklarheiten Rücksprache mit dem Arzt.
Ausgangspunkt für jede Versorgung - 2
Restmobilität und Belastbarkeit einschätzen
Kann der Patient das betroffene Bein belasten? Wie weit kann er gehen? Benötigt er die Gehhilfe nur temporär (z. B. post-OP) oder dauerhaft? Diese Faktoren bestimmen die Produktkategorie.
- 3
Griffkraft und Koordination beurteilen
Patient mit schwacher Griffkraft (z. B. Rheuma) braucht anatomische Griffe oder Arthritisstützen. Eingeschränkte Koordination spricht für einen Rollator statt Gehstützen.
- 4
Nutzungsumfeld berücksichtigen
Indoor, Outdoor oder beides? Enge Wohnung mit Schwellen → Indoor-Rollator oder Gehgestell. Viel Außenbereich → Outdoor-Rollator mit großen Rädern. Treppen → Gehstützen statt Rollator.
- 5
Produktauswahl treffen und dokumentieren
Auf Basis der Analyse das passende Produkt auswählen, HMV-Nummer zuordnen und die Auswahlbegründung dokumentieren. Bei Versorgung über Festbetrag Mehrkostenberatung durchführen.
Vom Rezept zur Versorgung — immer den richtigen Artikel.
CareCore.ONE hilft Ihrem Team, aus Rezept und Indikation den passenden Artikel zu finden — schnell, strukturiert und HMV-konform.
in nur 2 Minuten.
Häufige Auswahlfehler
Diese Fehler bei der Gehhilfen-Auswahl führen zu Fehlversorgung, Rückgaben und Unzufriedenheit.
- 1
Rollator statt Gehstützen nach Fraktur
Nach einer Unterschenkelfraktur braucht der Patient Entlastung, nicht Stabilität. Unterarmgehstützen ermöglichen Teilbelastung — ein Rollator bietet keine kontrollierte Entlastung des betroffenen Beins.
- 2
Gehstock bei beidseitiger Schwäche
Ein einzelner Gehstock reicht nicht bei beidseitiger Gangstörung. Der Patient braucht beidseitige Unterstützung — entweder zwei Gehstützen oder einen Rollator.
- 3
Rollator für enge Wohnung ohne Indoor-Check
Standard-Rollator (Breite 60–65 cm) passt nicht durch schmale Türen (65 cm). Vor der Versorgung Türbreiten erfragen oder Indoor-Rollator (Breite 50–55 cm) anbieten.
- 4
Nutzungsumfeld nicht erfragt
Patient lebt im 3. Stock ohne Aufzug — Rollator kann nicht nach oben transportiert werden. Für die Treppe braucht er zusätzlich Gehstützen.
- 5
Griffkraft überschätzt
Patient mit Rheuma kann Rollator-Bremsen nicht sicher betätigen. Anatomische Bremshebel oder Arthritisstützen als Alternative prüfen.
Entscheidungsmatrix: Indikation × Gehhilfe
Welche Gehhilfe passt zu welcher Indikation und Patientensituation?
| Indikation / Situation | Gehstock | Unterarmgehstütze | Gehgestell | Rollator |
|---|---|---|---|---|
| Leichte Gleichgewichtsstörung | ✓ Erste Wahl | — | — | Bei Ausdauerproblem |
| Post-OP Knie/Hüfte (temporär) | — | ✓ Erste Wahl | — | — |
| Fraktur Unterschenkel | — | ✓ Erste Wahl (2×) | — | — |
| Schwere Gangstörung (dauerhaft) | — | — | ✓ Erste Wahl | Alternative |
| Geriatrischer Patient, gehfähig | — | — | — | ✓ Erste Wahl |
| COPD / Belastungsdyspnoe | — | — | — | ✓ Mit Sitzfläche |
| Rheuma / schwache Griffkraft | — | Arthritisstütze | — | Mit Softgriff |
| Parkinson (Freezing of Gait) | — | — | — | Spezialrollator |
✓ = empfohlene Erstversorgung. — = in der Regel nicht geeignet. Individuelle Abweichungen nach ärztlicher Verordnung möglich.
Praxistipp
Standardfragen bei der Bedarfsanalyse: Drei Fragen decken 80 % der Auswahlentscheidung ab: (1) Wie weit können Sie aktuell ohne Hilfe gehen? (2) Können Sie das betroffene Bein belasten? (3) Wo nutzen Sie die Gehhilfe hauptsächlich — zu Hause, draußen oder beides? Mit diesen Antworten können Sie in 90 % der Fälle direkt die richtige Produktkategorie bestimmen.
Probeversorgung anbieten: Gerade bei Rollatoren lohnt es sich, den Patienten zwei bis drei Modelle probeweise schieben zu lassen. Die subjektive Rückmeldung ist der beste Indikator für die Akzeptanz im Alltag.
Neues Personal. Richtige Produkte. Ab Tag 1.
ONE.assist führt Schritt für Schritt zum passenden Artikel — auch ohne jahrelange Erfahrung im Sortiment.
Häufige Fragen aus der Praxis
Welche Gehhilfe ist nach einer Knie-OP die richtige?
Nach einer Knie-OP werden in der Regel Unterarmgehstützen verordnet. Sie ermöglichen eine kontrollierte Teilbelastung des operierten Beins. Die Nutzungsdauer hängt vom Heilungsverlauf ab — typisch sind 4–8 Wochen.
Ab wann braucht ein Patient einen Rollator statt Gehstützen?
Wenn die dauerhafte Mobilität eingeschränkt ist, der Patient Ausdauerprobleme hat oder die Griffkraft für Gehstützen nicht ausreicht. Rollatoren bieten Stabilität, eine Sitzgelegenheit und eine Transportfläche — sie sind für die langfristige Nutzung konzipiert.
Kann ich von der ärztlichen Verordnung abweichen?
Die Produktkategorie richtet sich nach der Verordnung. Innerhalb der Kategorie können Sie das konkrete Modell wählen. Bei deutlichem Versorgungsbedarf, der von der Verordnung abweicht, sollten Sie Rücksprache mit dem Arzt halten.
Welcher Rollator eignet sich für drinnen und draußen?
Leichtgewicht-Rollatoren mit mittelgroßen Rädern (ca. 20 cm) sind ein guter Kompromiss. Für vorwiegend Outdoor-Nutzung empfehlen sich Modelle mit großen Rädern und Luftbereifung.
Was mache ich, wenn der Patient die verordnete Gehhilfe ablehnt?
Beraten Sie den Patienten über die Vorteile der verordneten Versorgung. Dokumentieren Sie die Ablehnung schriftlich. Bieten Sie ggf. ein alternatives Modell innerhalb der verordneten Kategorie an. Bei grundsätzlicher Ablehnung den Arzt informieren.