Praxiswissen · PG 10

Gehhilfen Auswahl — Welche Gehhilfe für welchen Patienten?

Wie Sanitätshäuser die richtige Gehhilfe auswählen — vom Auswahlprozess über die Entscheidungsmatrix bis zu häufigen Fehlern bei der Produktempfehlung.

Zielgruppe: Leistungserbringer im Sanitätshaus PG: PG 10 · Gehhilfen Lesezeit: ca. 8 Minuten Stand: Mai 2026
Kurzantwort

Die Auswahl der richtigen Gehhilfe richtet sich nach Indikation, Restmobilität, Griffkraft und Nutzungsumfeld des Patienten. Gehstöcke, Unterarmgehstützen, Gehgestelle und Rollatoren decken unterschiedliche Bedarfe ab — eine systematische Auswahl verhindert Fehl- und Unterversorgung.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 10, DGIHV-Empfehlungen
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Auswahlprozess

Die Gehhilfen-Auswahl folgt einem strukturierten Prozess — vom Rezept über die Bedarfsanalyse bis zur Produktentscheidung.

  1. 1

    Rezept und Indikation analysieren

    Verordnete Gehhilfe, Diagnose und ICD-10-Code auswerten. Stimmt die verordnete Gehhilfe zur Indikation? Bei Unklarheiten Rücksprache mit dem Arzt.

    Ausgangspunkt für jede Versorgung
  2. 2

    Restmobilität und Belastbarkeit einschätzen

    Kann der Patient das betroffene Bein belasten? Wie weit kann er gehen? Benötigt er die Gehhilfe nur temporär (z. B. post-OP) oder dauerhaft? Diese Faktoren bestimmen die Produktkategorie.

  3. 3

    Griffkraft und Koordination beurteilen

    Patient mit schwacher Griffkraft (z. B. Rheuma) braucht anatomische Griffe oder Arthritisstützen. Eingeschränkte Koordination spricht für einen Rollator statt Gehstützen.

  4. 4

    Nutzungsumfeld berücksichtigen

    Indoor, Outdoor oder beides? Enge Wohnung mit Schwellen → Indoor-Rollator oder Gehgestell. Viel Außenbereich → Outdoor-Rollator mit großen Rädern. Treppen → Gehstützen statt Rollator.

  5. 5

    Produktauswahl treffen und dokumentieren

    Auf Basis der Analyse das passende Produkt auswählen, HMV-Nummer zuordnen und die Auswahlbegründung dokumentieren. Bei Versorgung über Festbetrag Mehrkostenberatung durchführen.

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Häufige Auswahlfehler

Diese Fehler bei der Gehhilfen-Auswahl führen zu Fehlversorgung, Rückgaben und Unzufriedenheit.

  • 1

    Rollator statt Gehstützen nach Fraktur

    Nach einer Unterschenkelfraktur braucht der Patient Entlastung, nicht Stabilität. Unterarmgehstützen ermöglichen Teilbelastung — ein Rollator bietet keine kontrollierte Entlastung des betroffenen Beins.

  • 2

    Gehstock bei beidseitiger Schwäche

    Ein einzelner Gehstock reicht nicht bei beidseitiger Gangstörung. Der Patient braucht beidseitige Unterstützung — entweder zwei Gehstützen oder einen Rollator.

  • 3

    Rollator für enge Wohnung ohne Indoor-Check

    Standard-Rollator (Breite 60–65 cm) passt nicht durch schmale Türen (65 cm). Vor der Versorgung Türbreiten erfragen oder Indoor-Rollator (Breite 50–55 cm) anbieten.

  • 4

    Nutzungsumfeld nicht erfragt

    Patient lebt im 3. Stock ohne Aufzug — Rollator kann nicht nach oben transportiert werden. Für die Treppe braucht er zusätzlich Gehstützen.

  • 5

    Griffkraft überschätzt

    Patient mit Rheuma kann Rollator-Bremsen nicht sicher betätigen. Anatomische Bremshebel oder Arthritisstützen als Alternative prüfen.

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Entscheidungsmatrix: Indikation × Gehhilfe

Welche Gehhilfe passt zu welcher Indikation und Patientensituation?

Indikation / SituationGehstockUnterarmgehstützeGehgestellRollator
Leichte Gleichgewichtsstörung✓ Erste WahlBei Ausdauerproblem
Post-OP Knie/Hüfte (temporär)✓ Erste Wahl
Fraktur Unterschenkel✓ Erste Wahl (2×)
Schwere Gangstörung (dauerhaft)✓ Erste WahlAlternative
Geriatrischer Patient, gehfähig✓ Erste Wahl
COPD / Belastungsdyspnoe✓ Mit Sitzfläche
Rheuma / schwache GriffkraftArthritisstützeMit Softgriff
Parkinson (Freezing of Gait)Spezialrollator

✓ = empfohlene Erstversorgung. — = in der Regel nicht geeignet. Individuelle Abweichungen nach ärztlicher Verordnung möglich.

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Praxistipp

Standardfragen bei der Bedarfsanalyse: Drei Fragen decken 80 % der Auswahlentscheidung ab: (1) Wie weit können Sie aktuell ohne Hilfe gehen? (2) Können Sie das betroffene Bein belasten? (3) Wo nutzen Sie die Gehhilfe hauptsächlich — zu Hause, draußen oder beides? Mit diesen Antworten können Sie in 90 % der Fälle direkt die richtige Produktkategorie bestimmen.

Probeversorgung anbieten: Gerade bei Rollatoren lohnt es sich, den Patienten zwei bis drei Modelle probeweise schieben zu lassen. Die subjektive Rückmeldung ist der beste Indikator für die Akzeptanz im Alltag.

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Häufige Fragen aus der Praxis

Welche Gehhilfe ist nach einer Knie-OP die richtige?

Nach einer Knie-OP werden in der Regel Unterarmgehstützen verordnet. Sie ermöglichen eine kontrollierte Teilbelastung des operierten Beins. Die Nutzungsdauer hängt vom Heilungsverlauf ab — typisch sind 4–8 Wochen.

Ab wann braucht ein Patient einen Rollator statt Gehstützen?

Wenn die dauerhafte Mobilität eingeschränkt ist, der Patient Ausdauerprobleme hat oder die Griffkraft für Gehstützen nicht ausreicht. Rollatoren bieten Stabilität, eine Sitzgelegenheit und eine Transportfläche — sie sind für die langfristige Nutzung konzipiert.

Kann ich von der ärztlichen Verordnung abweichen?

Die Produktkategorie richtet sich nach der Verordnung. Innerhalb der Kategorie können Sie das konkrete Modell wählen. Bei deutlichem Versorgungsbedarf, der von der Verordnung abweicht, sollten Sie Rücksprache mit dem Arzt halten.

Welcher Rollator eignet sich für drinnen und draußen?

Leichtgewicht-Rollatoren mit mittelgroßen Rädern (ca. 20 cm) sind ein guter Kompromiss. Für vorwiegend Outdoor-Nutzung empfehlen sich Modelle mit großen Rädern und Luftbereifung.

Was mache ich, wenn der Patient die verordnete Gehhilfe ablehnt?

Beraten Sie den Patienten über die Vorteile der verordneten Versorgung. Dokumentieren Sie die Ablehnung schriftlich. Bieten Sie ggf. ein alternatives Modell innerhalb der verordneten Kategorie an. Bei grundsätzlicher Ablehnung den Arzt informieren.

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