Praxiswissen · Für Sanitätshäuser

Kompressionsbandage vs. Stützbandage — Unterschiede, Indikation und Abrechnung

Kompressionsbandagen und Stützbandagen werden im Alltag häufig verwechselt — dabei unterscheiden sie sich in Wirkprinzip, Indikation und HMV-Zuordnung grundlegend. Dieser Leitfaden klärt die Abgrenzung für Beratung, Versorgung und Abrechnung.

Zielgruppe: Leistungserbringer im Sanitätshaus PG: PG 05 · Bandagen Lesezeit: ca. 10 Minuten Stand: Mai 2026
Kurzantwort

Kompressionsbandagen wirken primär über definierten Flächendruck auf das Gewebe — sie reduzieren Schwellungen, fördern die Resorption von Ergüssen und unterstützen die Propriozeption. Stützbandagen wirken über mechanische Stabilisierung — sie begrenzen den Bewegungsumfang, entlasten Gelenkstrukturen und schützen vor Überlastung. Die HMV-Zuordnung, Indikation und Abrechnungswege unterscheiden sich entsprechend.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 05, Produktdefinitionen des GKV-Spitzenverbands · Stand 04/2026
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Vergleich auf einen Blick

Fünf Prüfschritte trennen die beiden Versorgungen sicher — vom Wirkprinzip bis zur abzurechnenden Position.

  1. 1

    Wirkprinzip bestimmen

    Die Kompressionsbandage erzeugt einen definierten, nach proximal abnehmenden Druck; dieser Druck ist messbar und wird in mmHg angegeben. Die Stützbandage erzeugt keinen definierten Druck, sondern stabilisiert ein Gelenk — mechanisch über Pelotten und Gurte und propriozeptiv über Reize an der Haut, die die muskuläre Führung verbessern.

    Druck ist messbar, Stabilisierung ist es nicht
  2. 2

    Zielstruktur klären

    Kompression wirkt auf Weichteile und auf das Venen- und Lymphsystem: Sie verringert Volumen, unterstützt den Rückfluss und beschleunigt die Resorption. Stützversorgung wirkt auf Gelenk, Kapsel-Band-Apparat und Muskelführung. Wer diese Frage zuerst beantwortet, hat die Produktgruppe fast schon bestimmt.

    Behandeln Sie Volumen oder Führung?
  3. 3

    Indikation zuordnen

    Für Kompression sprechen Schwellneigung, Ödem, Erguss und Lymphabflussstörung. Für Stützversorgung sprechen Instabilität, Arthrose, Insertionstendopathien wie Tennis- oder Golferarm und postoperative Führung. Der ICD-10-Kode der Verordnung muss diese Richtung tragen.

    Die Diagnose entscheidet, nicht der Wunsch nach mehr Halt
  4. 4

    Produktgruppe prüfen — hier fällt die Abrechnungsentscheidung

    Stützbandagen liegen in PG 05 an den Gelenkorten 05.02, 05.04, 05.07, 05.08, 05.09 sowie am Rumpf 05.11. Für die medizinische Kompressionstherapie ist PG 17 zuständig — sobald eine Kompressionsklasse verordnet ist oder eine Lymph- beziehungsweise Venenindikation im Vordergrund steht, wird nicht aus PG 05 abgerechnet.

    Diese Abgrenzung bestimmt die abzurechnende Position
  5. 5

    Produktart und Positionsnummer festlegen

    Maßgeblich ist die Produktdefinition im Hilfsmittelverzeichnis, nicht die Bezeichnung des Herstellers. Kombiprodukte aus Kompressionsgestrick und Stützelementen sind eigene Produktarten mit eigener Nummer — sie werden als ein Hilfsmittel abgerechnet, nicht als zwei Positionen.

    Abgerechnet wird die 10-stellige Positionsnummer des Einzelprodukts
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Häufige Fehler

Fünf Verwechslungen mit Folgen — für die Abrechnung und für die Versorgungsqualität.

  • 1

    Kompressionsversorgung aus PG 05 abgerechnet

    Steht eine Ödem-, Varizen- oder Lymphindikation im Vordergrund, ist die medizinische Kompressionstherapie in PG 17 einzuordnen. Eine PG-05-Position deckt diese Indikation nicht ab — die Kürzung erfolgt, obwohl Verordnung und Versorgung fachlich stimmig waren.

    Bei verordneter Kompressionsklasse oder Lymphindikation die Zuordnung zu PG 17 prüfen.
  • 2

    Von der Produktbezeichnung auf die Wirkung geschlossen

    Das Wort Kompression im Produktnamen sagt nichts über den Druckverlauf und nichts über die Produktgruppe. Umgekehrt können Stützbandagen kompressive Gestricke enthalten, ohne eine Kompressionsversorgung zu sein.

    Produktdefinition im Verzeichnis lesen, nicht den Verpackungstext.
  • 3

    Stützbandage bei akuter Schwellung angelegt

    Ein Stützgestrick hat keinen definierten Druckverlauf. Über einem geschwollenen Gelenk kann es punktuell einschnüren, den Rückfluss behindern und die Schwellung verstärken. Zudem passt die angemessene Größe nach dem Abschwellen nicht mehr.

    Umfang messen, Schwellung ärztlich behandeln lassen, danach anmessen und stützen.
  • 4

    Kompression ohne Klärung der Kontraindikationen

    Periphere arterielle Verschlusskrankheit, dekompensierte Herzinsuffizienz sowie akute Entzündungen und Thrombosen sind ärztlich zu bewerten, bevor Kompression zum Einsatz kommt. Diese Prüfung ist keine Formalie, sondern schützt vor einer Schädigung.

    Rückfrage an die verordnende Praxis stellen und die Antwort dokumentieren.
  • 5

    Kombiprodukt als zwei Positionen abgerechnet

    Eine Bandage mit Kompressionsgestrick und eingearbeiteten Stützelementen ist ein Hilfsmittel mit einer Positionsnummer. Zwei Positionen ergeben eine Doppelabrechnung — und zwei Zuzahlungen, die dem Versicherten nicht zustehen.

    Kombibandagen über die eigene Produktart mit einer Position abrechnen.
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Abrechnungsunterschiede

Die Merkmale, an denen sich die beiden Versorgungen unterscheiden — inklusive der Grenze zu den Nachbarproduktgruppen.

MerkmalKompressionsbandageStützbandage
Wirkprinzipdefinierter Flächendruck, in mmHg messbar, nach proximal abnehmendmechanische und propriozeptive Stabilisierung des Gelenks
ZielstrukturWeichteile, Venen- und LymphsystemGelenk, Kapsel-Band-Apparat, Muskelführung
Typische IndikationSchwellneigung, Erguss, Ödem, LymphabflussstörungInstabilität, Arthrose, Insertionstendopathie, postoperative Führung
AusstattungKompressionsgestrick mit definiertem Druckverlauf, ggf. BandagiersystemPelotten, Gurte, Stabilisierungsstäbe — ohne Gelenkführung
Produktgruppemedizinische Kompressionstherapie in PG 17; in PG 05 nur soweit die Produktart es vorsiehtPG 05, Anwendungsort nach Körperregion (05.02 bis 05.11)
Grenze nach obenverordnete Kompressionsklasse führt in PG 17Gelenkelemente oder Bewegungsbegrenzung führen in PG 23

Für die abzurechnende Position ist allein die Produktdefinition im Hilfsmittelverzeichnis maßgeblich. Grenzfälle werden vor der Bestellung geklärt — nach der Abgabe lässt sich die Produktgruppe nicht mehr wechseln.

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Wann Kompression, wann Stütze?

Eine Leitfrage, eine Reihenfolge und der Fall, in dem die Verordnung zurück in die Praxis geht.

Die Leitfrage im Beratungsgespräch

Behandeln wir Volumen oder Führung? Klagt die Kundschaft über abendliche Schwellung, Spannungsgefühl und Umfangszunahme, geht es um Volumen — und damit um Kompression. Klagt sie über Wegknicken, Unsicherheit bei Belastung oder Schmerz bei bestimmten Bewegungen, geht es um Führung — und damit um Stützversorgung. Diese Frage steht vor jeder Produktauswahl.

Reihenfolge bei beidem

Liegen Schwellung und Instabilität zusammen vor, wird zuerst das Volumen behandelt und erst danach angemessen. Der Grund ist praktisch: Mit dem Umfang ändert sich die Größe, und eine im geschwollenen Zustand angepasste Stützbandage sitzt nach dem Abschwellen zu weit. Die Nachkontrolle wird in diesen Fällen früher terminiert als üblich.

Kombibandagen richtig einordnen

Kombiprodukte sind sinnvoll, wenn beide Wirkungen dauerhaft gebraucht werden — etwa bei Gonarthrose mit Reizerguss. Abrechnungsseitig bleiben sie ein Hilfsmittel mit eigener Produktart und einer Zuzahlung. Halten Sie im Beratungsprotokoll fest, warum die Kombination erforderlich war; das ist der Wirtschaftlichkeitsnachweis gegenüber der einfacheren Alternative.

Wann die Verordnung zurückgeht

Nennt die Verordnung eine Kompressionsklasse, gehört die Versorgung in die Kompressionstherapie nach PG 17 — dann wird nicht in PG 05 gesucht, sondern die Zuständigkeit geklärt. Ist umgekehrt eine Bewegungsbegrenzung gefordert, führt der Weg in PG 23 zur Orthese. In beiden Fällen ist die Rückfrage in der Praxis schneller als eine Retaxierung acht Wochen später.

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Häufige Fragen aus der Praxis

Kann eine Kompressionsbandage auch stabilisieren?

Eingeschränkt. Das Kompressionsgestrick bietet eine gewisse propriozeptive Wirkung — die Patient:in „spürt“ das Gelenk besser und bewegt sich bewusster. Für echte mechanische Stabilisierung (z. B. bei Bandinsuffizienz) reicht das jedoch nicht. Dafür braucht es Stützelemente wie Seitenschienen oder Pelotten.

Gibt es Bandagen, die beides können — Kompression und Stütze?

Ja, sogenannte Kombibandagen. Diese vereinen Kompressionsgestrick mit eingearbeiteten Stützelementen. Beispiele: Kniebandagen mit Silikonpelotte und Seitenschienen. Für die Abrechnung zählt die HMV-Produktdefinition — Kombibandagen haben eigene HMV-Nummern.

Wie unterscheide ich Kompressions- und Stützbandagen im HMV?

Im GKV-Hilfsmittelverzeichnis sind die Untergruppen der PG 05 nach Produktart differenziert. Kompressionsbandagen und Stützbandagen haben unterschiedliche Untergruppen-Nummern. Die Produktdefinition im HMV beschreibt Wirkprinzip und Mindestausstattung — darüber lässt sich jede Bandage eindeutig zuordnen.

Darf ich eine Stützbandage abgeben, wenn auf dem Rezept nur „Bandage“ steht?

Grundsätzlich ja — das Sanitätshaus wählt das geeignete Produkt basierend auf der Diagnose und dem Versorgungsziel. Entscheidend ist, dass die gewählte Bandage zur ICD-10-Diagnose und zur ärztlichen Indikation passt. Die Produktwahl und deren Begründung müssen dokumentiert werden.

Haben Kompressions- und Stützbandagen unterschiedliche Zuzahlungen?

Nein. Die Zuzahlung berechnet sich nach § 61 SGB V immer gleich: 10 % des Abgabepreises, mindestens 5 €, maximal 10 €. Da Stützbandagen oft höhere Vertragspreise haben, liegt die Zuzahlung dort häufiger bei 10 € (Maximum), während Kompressionsbandagen manchmal unter die 5-€-Mindestgrenze fallen.

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