Produktart-Guide · Anziehhilfen

Anziehhilfen im Sanitätshaus — Ratgeber & Übersicht

Knöpfhilfen, Strumpfanzieher, lange Schuhlöffel und Reißverschlusshilfen — Überblick über Typen, Aufbau, Indikationen, Versorgungsweg und Abrechnung von Anziehhilfen.

Produktgruppe: PG 02 · Adaptionshilfen Lesezeit: ca. 7 Minuten Stand: Mai 2026 Zielgruppe: Fachpersonal & Patient:innen
Kurzantwort

Anziehhilfen sind Hilfsmittel, die Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit oder Handfunktion das selbstständige An- und Auskleiden ermöglichen. Dazu gehören Knöpfhilfen, Strumpfanzieher, lange Schuhlöffel und Anziehstäbe. Sie werden über PG 02 des Hilfsmittelverzeichnisses verordnet.

Quelle: GKV-Hilfsmittelverzeichnis PG 02
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Typen von Anziehhilfen im Überblick

Anziehhilfen werden nach ihrer Wirkungsweise unterschieden. Entscheidend für die Auswahl sind Indikation, Heilungsphase und das gewünschte Aktivitätsniveau.

TypWirkungTypische IndikationHMV-Untergruppe
Knöpfhilfe
Handgerät mit Drahtschlaufe zum Einfädeln und Durchziehen von Knöpfen. Ermöglicht einhändiges Knöpfen bei eingeschränkter Fingerfertigkeit.
Kompensiert fehlenden Pinzettengriff und ermöglicht selbstständiges Schließen von KnöpfenFingerarthrose, Rheumatoide Arthritis, Hemiparese nach Schlaganfall02.40.01
Strumpfanzieher
Kunststoffschale mit langen Bändern oder Griffen, über die der Strumpf gezogen und anschließend auf den Fuß gestreift wird.
Ermöglicht das Anziehen von Strümpfen ohne tiefes Bücken oder Fuß-AnhebenHüft-TEP, Rückenprobleme, Adipositas, Schwangerschaft02.40.01
Langer Schuhlöffel
Schuhlöffel mit verlängertem Stiel (50–80 cm), der das Anziehen von Schuhen ohne Bücken ermöglicht.
Überbrückt die eingeschränkte Rumpfbeugung und Hüftflexion beim Schuhe-AnziehenHüft-TEP (Beugelimitation 90°), Rückenschmerzen, Gleichgewichtsprobleme02.40.01
Anziehstab
Langer Stab mit Haken am einen und Druckstück am anderen Ende. Dient zum Ziehen, Schieben und Positionieren von Kleidungsstücken.
Ermöglicht das An- und Ausziehen von Jacken, Hemden und Hosen ohne volle ArmbeweglichkeitSchultersteife, Hemiparese, reduzierte Rumpfrotation02.40.01
Reißverschlusshilfe
Ring oder Griff, der am Reißverschluss-Schieber befestigt wird und die Greiffläche vergrößert.
Erleichtert das Greifen und Ziehen des Reißverschlusses bei reduzierter FingerkraftFingerarthrose, Dupuytren-Kontraktur, Polyneuropathie02.40.01

Auszug. Vollständige Einordnung inkl. Herstellerartikel im GKV-Hilfsmittelverzeichnis.

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Aufbau und Wirkprinzip — Anziehhilfe

Anziehhilfen: Mehrere funktionale Elemente kompensieren zusammen eingeschränkte Körperfunktionen im Alltag.

Griffform

Ergonomisch geformte Griffe aus rutschfestem Material (Gummi, Silikon). Angepasst an eingeschränkte Handfunktion — verdickt, konturiert oder mit Handschlaufe.

Hebelarm / Verlängerung

Verlängerte Stiele (50–80 cm) bei Schuhlöffeln und Anziehstäben. Überbrücken die fehlende Rumpfbeugung ohne Kompromiss bei der Stabilität.

Einhändige Bedienung

Alle Anziehhilfen sind für einhändige Bedienung konzipiert. Knöpfhilfen arbeiten mit Schlaufentechnik, Strumpfanzieher mit Zugbändern — keine Beihand nötig.

Materialrobustheit

Strapazierfähige Materialien (ABS-Kunststoff, Edelstahl, verstärktes Nylon) für tägliche Belastung. Leicht zu reinigen und langlebig im Dauereinsatz.

Ziel: Selbstständigkeit im Alltag erhalten

Eine korrekt ausgewählte Adaptionshilfe ermöglicht es, alltägliche Handlungen trotz eingeschränkter Hand- oder Armfunktion eigenständig auszuführen. Falsche Auswahl oder fehlende Anpassung kann die Akzeptanz gefährden — die Erprobung im Sanitätshaus ist entscheidend.

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Häufige Indikationen

Die folgenden Diagnosen führen in der Praxis am häufigsten zu einer Verordnung. Die Auswahl des Versorgungstyps hängt von Schweregrad, Heilungsphase und Aktivitätsniveau ab.

  • FingerarthroseDegenerativer Gelenkverschleiß der Finger mit Bewegungseinschränkung und Schmerz — erschwert Greifen, Knöpfen und Reißverschlüsse.
  • Rheumatoide ArthritisEntzündliche Systemerkrankung mit symmetrischem Befall der Fingergelenke — Morgensteifigkeit und Kraftverlust behindern das Ankleiden.
  • Schlaganfall (Hemiparese)Halbseitenlähmung mit einseitigem Funktionsverlust — erfordert einhändige Anziehtechniken und Hilfsmittel.
  • Rückenprobleme / BandscheibenvorfallSchmerzhafte Bewegungseinschränkung der Wirbelsäule — tiefes Bücken zum Anziehen von Strümpfen und Schuhen ist nicht möglich.
  • Hüft-TEP (postoperativ)Nach Hüftgelenksersatz besteht eine Beugelimitation von 90° — Strumpfanzieher und lange Schuhlöffel sind in der Rehabilitation unverzichtbar.
  • Schultersteife (Frozen Shoulder)Eingeschränkte Schulterbeweglichkeit mit Schmerzen bei Elevation und Rotation — erschwert das Anziehen von Oberteilen und Jacken.
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Versorgungsweg — von Rezept bis Anpassung

Der typische Weg vom ärztlichen Befund bis zur fertig angepassten Anziehhilfe dauert in Deutschland zwischen 3 und 14 Tagen.

  1. 1

    Ärztliche Verordnung

    Hausärzt:in oder Fachärzt:in stellt ein Muster-16-Rezept mit Diagnose, ICD-10-Code und Angabe der PG 02 aus.

    1 Termin
  2. 2

    Sanitätshaus aufsuchen

    Beratung im Sanitätshaus: Analyse der konkreten Ankleidesituation — welche Handgriffe bereiten Probleme? Auswahl der passenden Anziehhilfen.

    20 – 30 Minuten
  3. 3

    Kostenvoranschlag & Genehmigung

    Das Sanitätshaus erstellt einen Kostenvoranschlag und reicht ihn bei der Krankenkasse ein. Standard-Anziehhilfen werden meist ohne Einzelgenehmigung bewilligt.

    3 – 5 Werktage
  4. 4

    Einweisung & Übung

    Einweisung in die korrekte Handhabung jeder Anziehhilfe. Üben der Anwendung im Sanitätshaus oder in der Ergotherapie.

    15 – 20 Minuten
  5. 5

    Nachkontrolle

    Überprüfung nach 2–4 Wochen: Werden die Hilfsmittel im Alltag genutzt? Sind Anpassungen oder zusätzliche Hilfen nötig?

    1 Termin
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Abrechnung und Kosten

Grundlage jeder Abrechnung ist der Vertrag zwischen Leistungserbringer und Krankenkasse. Die folgenden Werte sind Orientierungswerte — verbindliche Preise ergeben sich aus den Kassenverträgen.

VersorgungstypHMV-Nr. (Beispiel)Richtwert GKVZuzahlungGenehmigungspflicht
Knöpfhilfe02.40.01.05 – 12 €10 % (mind. 5, max. 10 €)Nein (Regelversorgung)
Strumpfanzieher02.40.01.110 – 25 €10 % (mind. 5, max. 10 €)Nein (Regelversorgung)
Langer Schuhlöffel (50–80 cm)02.40.01.08 – 18 €10 % (mind. 5, max. 10 €)Nein (Regelversorgung)
Anziehstab02.40.01.212 – 25 €10 % (mind. 5, max. 10 €)Nein (Regelversorgung)
Reißverschlusshilfe02.40.01.05 – 10 €10 % (mind. 5, max. 10 €)Nein (Regelversorgung)

Hinweis zur Zuzahlungsbefreiung

Versicherte unter 18 Jahren, chronisch Kranke mit Befreiungsbescheid sowie Personen mit überschrittener Belastungsgrenze sind von der Zuzahlung befreit. Den Nachweis erbringt die Krankenkasse.

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Häufige Fragen

Zahlt die Krankenkasse Anziehhilfen?

Ja, bei ärztlicher Verordnung übernimmt die GKV die Kosten für Anziehhilfen aus PG 02. Die gesetzliche Zuzahlung beträgt 10 % (mind. 5 €, max. 10 €). Da viele Anziehhilfen unter 10 € kosten, entfällt die Zuzahlung oft vollständig.

Welche Anziehhilfe brauche ich nach einer Hüft-OP?

Nach einer Hüft-TEP sind ein Strumpfanzieher und ein langer Schuhlöffel die wichtigsten Hilfsmittel, da die Hüftbeugung auf 90° begrenzt ist. Ergänzend hilft ein Anziehstab für Hosen und Socken. Die Ergotherapie empfiehlt ein individuelles Set.

Kann ich Anziehhilfen auch ohne Rezept kaufen?

Ja, Anziehhilfen sind frei verkäuflich in Sanitätshäusern und online erhältlich. Ohne Rezept tragen Sie die Kosten jedoch selbst. Mit Verordnung übernimmt die Krankenkasse die Kosten abzüglich der gesetzlichen Zuzahlung.

Wie funktioniert eine Knöpfhilfe?

Die Drahtschlaufe wird durch das Knopfloch geführt und über den Knopf gelegt. Beim Zurückziehen zieht die Schlaufe den Knopf durch das Knopfloch. Der Vorgang lässt sich komplett einhändig ausführen — ideal bei Hemiparese.

Gibt es Anziehhilfen für Kompressionsstrümpfe?

Ja, für Kompressionsstrümpfe gibt es spezielle An- und Ausziehhilfen (Gestelle oder Gleitsysteme). Diese gehören zu PG 17 (Kompressionstherapie) und werden separat verordnet. Das Sanitätshaus berät zur passenden Lösung.

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